Donnerstag, 28. April 2016

Rabenballade - Kapitel 5



(Nochmal eine Warnung zuvor: Mehr sexuelle Handlungen. Zwischen männlichen Wesen. Und falls es vergessen worden sein sollte: Ja, Corvus, oder, wie er sich hier nennt, Rabe, ist ein Arsch. Ein rücksichtsloser, nur auf sein Vergnügen bedachter, manipulativer Dreckskerl. Ganz armer Amatus.)


V

Ich hatte die ganze Nacht an einem Fenster ausgeharrt, von dem aus ich die Ländereien überblicken konnte, als ich schließlich –endlich! - in der Morgendämmerung die hohe Gestalt den Weg zwischen den Feldern betreten sah.
Nun hieß sich zu sputen. Ich schlug die Kapuze des schwarzen Ornats hoch, das ich in der Nacht aus der Waschküche stibitzt hatte und stahl mich hinaus. Natürlich kannte ich dank der Jahre, die ich im Kloster verbracht hatte, sämtliche Schleichwege und es war mir ein Leichtes, keinem der Brüder zu begegnen. Mein Aufzug und die Tatsache, dass ich schon so früh unterwegs war, hätten nur Fragen aufgeworfen - Fragen, die zu beantworten ich mich nicht in der Lage fühlte.

Als ich draußen war, konnte ich nur hoffen, dass gerade niemand einen Blick aus dem Fenster warf und meiner gewahr wurde. Doch es blieb alles ruhig hinter mir und ich eilte mich, den Fremden, der mit langen, aber ruhigen Schritten, die Raben auf seinen Schultern kauernd, dem Waldrand zustrebte, nicht aus den Augen zu verlieren. Wenn er erst die Baumgrenze erreicht hätte, wäre seine dunkle Gestalt zwischen den Stämmen nur noch schwer auszumachen.
Je weiter ich mich vom Kloster entfernte, desto schneller wurde mein Schritt, bis ich schließlich rannte.

Ich holte ihn am Waldrand ein, atemlos keuchend. Wenn er bemerkt hatte, dass ich ihm folgte – und das hatte er, dessen war ich mir ganz sicher – so ließ er sich nichts anmerken.

„Wartet!“, rief ich ihn an, kaum, dass wir in den dunklen Forst eingetreten waren.

Und tatsächlich wirkte er nicht im Mindesten überrascht, als er sich umdrehte und meiner ansichtig wurde. Seine Mundwinkel zuckten belustigt und er sah mich wissend an. Die Raben erhoben sich krächzend in die Luft, als wollten sie uns allein lassen.

„Da bist du ja. Ich fürchtete schon, du schaffst es niemals.“

Ich errötete unter seinem Blick, als ich mich jäh an meinen Traum erinnerte – fast meinte ich, seinen Mund wieder auf dem meinen zu spüren, seine Hände auf meiner Haut. War es wirklich nur ein Traum gewesen? Ich glaubte, eine leise Stimme in meinem Kopf zu hören, die mich auslachte und die mir sagte, dass dies alles tatsächlich geschehen war. Dass er bei mir gewesen war in der Nacht und mich Unglaubliches hatte fühlen lassen.

„Nun… ja. Ja, da bin ich also.“

„Schön. Es freut mich, dass du dich entschlossen hast, mich zu begleiten, Amatus.“

Jedes weitere Wort war überflüssig. Ich fühlte mich mit einem Male unendlich frei, frei von allen Zwängen und bereit, alles hinter mir zu lassen. Bereit, ein verderbtes Leben bar jeglicher Tugenden und erfüllt von allen nur erdenklichen Lastern zu führen. Sollte die Welt uns doch für vogelfrei erklären, für ehrlos, sollte Gott mich strafen für meine Sündhaftigkeit… es war mir gleich. Nur hier bei ihm zu sein, in seiner Nähe und all das haben zu können, was mir jedes Wort, jeder Blick von ihm versprochen…
Stumm warf ich mich in seine Arme, presste meinen Mund auf den seinen. Als er mich schließlich von sich schob, glühten meine Wangen und mein Atem ging schnell und stoßweise.
Er schien überaus zufrieden mit sich zu sein, grinste mich an, so grauenvoll und wunderbar, und nickte.
„Dann komm“, sagte er schlicht, machte auf dem Absatz kehrt und nahm seinen Marsch wieder auf. Er machte weite, ausgreifende Schritte und ich musste mich mühen, mit ihm mitzuhalten.
Etwas fiel mir ein, bahnte sich den Weg durch den Nebel meiner Verwirrung und drängte an die Oberfläche.
„Sagt mir… ich weiß noch immer nicht Euren Namen.“

„Na und?“

„Nennt ihn mir.“

„Vielleicht habe ich ja keinen?“

Ich lachte. „Das ist Unsinn. Ein jeder Mensch hat einen Namen.“

„Ist das so? Na, wenn es dir so wichtig ist… nenn mich Rabe.“

Ich verzog das Gesicht, mit dieser Antwort wollte ich mich ganz und gar nicht zufrieden geben.
„Wenn Ihr doch nur aufhören wolltet, Euch über mich lustig zu machen. Das passt zwar sehr hübsch zu Euch, ist aber doch kein Name für einen Christenmenschen.“

„Oh, wirklich… Dann ist doch alles in bester Ordnung. Ich bin ja auch keiner.“

„Kein Christ oder kein Mensch?“

Er warf mir einen schrägen Blick zu.
„Du bist doch ein kluger Junge, Amatus. Gib dir die Antwort auf diese Frage doch einfach selbst. Von mir wirst du sie jedenfalls nicht bekommen.“

Ich gab es auf. Daran würde ich mich wohl oder übel gewöhnen müssen. Mit einem Mal kam ich mir recht klein und dumm vor.

Eine lange Weile wanderten wir schweigend und lange genügte es mir auch so. Ich war bei ihm, er akzeptierte meine Gesellschaft, schien sich sogar darüber zu freuen und ich begann vor mich hin zu träumen, einen Blick in die Zukunft zu wagen, die mich an seiner Seite wohl erwartete. Die Bilder, die mein Geist mir diesbezüglich zeigte, waren unanständig und sorgten dafür, dass mir auf unserem Marsch nicht kalt werden konnte. Ich fühlte Erregung in mir aufsteigen und schämte mich ihrer im selben Moment.

Irgendwann jedoch kam mir unser stummer Marsch durch den dunklen Forst – der mir mit einem Male gar nicht mehr furchterweckend schien - recht ziellos vor und ich fragte: „Wohin gehen wir eigentlich?“

„Wohin willst du denn gehen, Amatus?“

Ich entschied, dass ich mit Ehrlichkeit wohl immer noch am besten bedient war.
„Das ist mir einerlei… so lange ich mich in Eurer Gesellschaft befinde.“

„Ist das so… Ich muss gestehen, Mönchlein…“ Er blieb so abrupt stehen, dass ich geradewegs in ihn hineinlief. „…dein Eifer, mir zu gefallen, erfreut mich sehr.“
Noch kurz fing sein Blick den meinen und was ich darin las, ließ mich bis ins Innerste erbeben – vor Lust, vor Erwartung und ja, es war auch Furcht dabei, nicht gerade wenig, denn ich war mir ziemlich sicher zu wissen, was als nächstes geschah. Und tatsächlich fühlte ich mich im nächsten Augenblick auch schon umgeworfen, landete hart auf dem Rücken auf dem gefrorenen Boden der Lichtung, auf der wir uns gerade befanden und sogleich war er auch schon über mir.
Tief beugte er sich zu mir herab und sein langes schwarzes Haar legte sich wie ein dunkler Schleier um unser beider Gesichter. Seine heißen Hände schienen mit einem Male überall zu sein, sie fuhren unter meine Kleider und verursachten Empfindungen in mir, zu denen ich bisher nicht geglaubt hatte fähig zu sein.

Nie hatte ich daran gedacht, jemals meine Unschuld zu verlieren, doch schlagartig wurde mir klar, dass genau dies hier und jetzt geschehen würde, unter den denkbar merkwürdigsten Umständen – auf dem hart gefrorenen Waldboden, so kurz nach meiner Flucht aus meinem alten Leben, hingegeben an einen Mann, den ich kaum kannte, von dem ich nicht mehr wusste als dass er mich binnen kürzester Zeit in seinen verderblichen Bann gezogen hatte. Von dem ich nicht einmal wusste, wie er wirklich hieß.
Ich ließ es zu. Ich ließ zu, dass er mir die Kleider abstreifte – ich spürte die Kälte nicht, er selbst verströmte genug Hitze um uns beide zu wärmen -, dass er sich zwischen meine Schenkel drängte und was er mit mir anstellte… Es war, ich kann es nicht anders beschreiben, als wäre der Traum, den ich gehabt hatte, mehr als das gewesen, nicht nur der Traum eines verwirrten Jünglings, sondern eine Vision der Dinge, die nun wirklich und wahrhaftig geschahen. Ich stand in Flammen, wollte vor Lust schier vergehen, und doch, ein winziger Teil meines Bewusstseins tat noch immer seinen Dienst. Als er in mich eindringen wollte, schob ich ihn mit aller noch verbliebenen Willenskraft von mir.
„Nein, bitte… das nicht.“

Oh, ich würde nie den Blick vergessen, mit dem er mich bedachte, als ich diese Worte hervorstieß. Kalt und abfällig bohrten sich die schwarzen Augen in die meinen und ich spürte genau, er hatte sich etwas anderes erwartet. Und wirklich… „Ich hätte gedacht, dein Eifer, mir zu Gefallen zu sein, sei ein wenig größer.“

„Das ist es nicht. Ich bin nur… Ich habe dergleichen nie zuvor getan“, verteidigte ich mich schwach. „Ich habe keine Erfahrung mit… solchen Dingen.“

„Hm.“

Nackt und schutzlos lag ich vor ihm, unübersehbar erregt und doch voller Furcht. Ich wollte ihn ja, ich wollte ihn spüren, doch ich hatte Angst. Angst vor dem, was zu tun er im Begriff war, Angst davor, dass, wenn ich mich dieser Sünde ganz und gar hingab, mich von ihm nehmen ließe wie ein Weib, ich unrettbar verloren wäre und nicht zuletzt fürchtete ich mich vor dem Schmerz. Er war so…groß und ich konnte mir nicht vorstellen, dass es überhaupt funktionieren könnte, ohne mich zu verletzen.
Und zugleich wollte ich nichts mehr als das. Ich schluckte hart, innerlich kämpfend mit meinen so widersprüchlichen Empfindungen.

„Wird es… wird es sehr wehtun?“

Rabe verzog das Gesicht zu einer abschätzigen Miene und hob die Schultern. „Woher soll ich das wissen? Glaubst du, ich lass‘ mich ficken? Nein, mein süßer Junge, das ist dein Part in der Geschichte. Vermutlich wirst du Schmerzen haben hinterher, ja…Aber ich kann dir versprechen, das wird es wert sein.“
Er wirkte ungeduldig, als ginge ihm meine Unwissenheit auf die Nerven, doch… war das nicht ein Zeichen, dass auch er mich wollte, unbedingt und ganz? Dass er es kaum abwarten konnte, mich zu besitzen? Und ich… alles wollte ich ihm geben in diesem Moment, da ich mich so begehrt fühlte, nicht allein meinen Körper, nein, meine Seele konnte er haben, wenn er sie nur wollte. Mein Herz gehörte ihm schon längst.

„Gut denn…“ Ich nickte, schloss die Augen und versuchte, mich zu entspannen. Leicht war es nicht, doch in einem sollte er Recht haben: Was geschah, war den Schmerz wert.

Denn schmerzhaft war es, auch wenn er sich merklich bemühte mir nicht allzu sehr wehzutun.


Ich kann und will es nicht in allen Einzelheiten beschreiben – nur so viel: Seine eigene Gier forderte schließlich doch ihren Tribut und als er schließlich in mir war, nahm er mich rücksichtslos, bemächtigte sich meiner wie ein wildes Tier, hungrig und rau.
Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, ich erinnere mich nur an wenig.
Daran, dass ich inmitten aller Pein mit einem Male Befriedigung fand, Erlösung von meiner eigenen schmerzhaften Lust, die mich schier zu zerreißen drohte.
Daran, dass ich mich völlig im Delirium befand und es mir lange nicht gelingen wollte, mich vom kalten Waldboden zu erheben, selbst als er sich längst aus mir gelöst und seine Kleider wieder gerichtet hatte, ebenfalls befriedigt, doch weit weniger mitgenommen als ich.
Und ich erinnere mich daran, dass ich mich, als ich wieder einigermaßen klar denken konnte, schmutzig fühlte, wund und benutzt und gedemütigt.
Ich hatte mich besteigen lassen wie ein Tier und es war genau das, was ich wollte.
Wie hatte ich nur binnen so kurzer Zeit so tief sinken können.
Ich ekelte mich vor mir selbst.

Vorsichtig, weil jede Bewegung schmerzte, bückte ich mich schließlich – ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen war, wie lange ich dort auf dem Waldboden gelegen und blicklos in den kalten Winterhimmel gestarrt hatte - nach meinen Kleidern und zog mich mit zitternden Händen und schwerfälligen Bewegungen wieder an.

Rabe machte einen ungeduldigen Eindruck, fast so, als habe er es nun, da er bekommen hatte, wonach ihn verlangt, eilig, weiterzukommen.

„Bist du fertig? Dann komm jetzt. Wirst dich schon noch dran gewöhnen.“
Dann, als sei ihm plötzlich etwas Wichtiges bewusst geworden, seufzte er und ließ sich auf einen umgestürzten Baumstamm sinken, streckte die langen Beine aus und sah mich auf eine Weise an, die ich nicht zu deuten wusste.

„Hör zu, Amatus, ich will ehrlich mit dir sein – und das kommt selten genug vor, also pass gut auf. Das hier wird, da bin ich mir ganz sicher, nicht von langer Dauer sein. Schon bald wirst du es mit der Angst zu tun bekommen und wieder zurücklaufen in dein Kloster und dich hinter seinen Mauern vor der Welt verstecken…“

„Niemals“, protestierte ich. „Wie könnte ich… Ich… ich kann Euch nicht verlassen, ich will es nicht und außerdem… außerdem…“ Mir brach die Stimme, als ich aussprach, was schwer auf meinem Herzen lastete. „Ich kann ohnehin nicht zurück. Ich habe alle Eide gebrochen, mich so schwer versündigt… ich bin…“

„Entehrt ist das Wort, das du suchst. Und es hat dir gefallen. Versuche gar nicht erst, es abzustreiten. Du hättest dich sehen sollen, Amatus, deine glühenden Wangen und wie du die Augen verdreht hast…“ Rabe grinste. „Ich bin ehrlich ein wenig stolz darauf – einen so hübschen, unschuldigen Novizen hab ich zuvor noch nicht bestiegen.“

Ich biss mir auf die Lippen. Warum musste er so schrecklich gewöhnlich sein… und viel schlimmer noch, warum fühlte ich mich von seiner gewöhnlich Art so angezogen und abgestoßen zugleich…

Wollte ich das? Wollte ich das wirklich? Mein Stolz, mein bisheriges Leben, mein glühender Wunsch, ein treuer Anhänger Gottes zu sein… all das lag nun am Boden, im Schmutz, zerbrochen und zertreten. Und wofür – für ein paar Momente tierischer Lust, die bereits jetzt nicht mehr hinterließ als Verwirrung und eine unendliche Leere.
Aber nein, ich liebte ihn doch – oder zumindest glaubte ich das damals – und empfand er nicht ebenso für mich? Hätte er sich die Mühe gemacht, mich zu verführen, mich dazu zu bringen, dass ich ihm folgte, wenn ich ihm nicht mehr bedeutete als ein kurzes, rein körperliches Vergnügen? Doch was, wenn er meiner nun, da er mich gehabt hatte, tatsächlich bereits überdrüssig war? Fast hatte es den Anschein…

Es gelang mir nicht, die Tränen zurückzudrängen, die mir in die Augen stiegen, das Schluchzen, das sich in meiner Kehle zusammenballte, ließ sich nicht länger unterdrücken.

Natürlich bemerkte er es.

„Ach herrje… Amatus…“ Er stand auf und trat an mich heran, strich mir mit seinen langen Fingern über die Wange. Federleicht war die Berührung und doch genügte dies, um mich erneut zu entflammen. Wundert es, dass ich ernsthaft an meinem Verstand zweifelte?

„Hör zu, Amatus“, sprach Rabe leise. „Du glaubst, du hättest dich entschieden. Für mich entschieden und für die Freiheit, die ich dir biete. Ich sage dir, es wird nicht leicht sein, gerade für dich, der du bislang ein so behütetes und weltfremdes Leben geführt hast. Wenn du mir das nicht glaubst – nun, das soll meine Sorge nicht sein. Lerne damit zu leben oder lass es bleiben. Mir ist es gleich. Ich freue mich über deine Gesellschaft, aber ich brauche sie nicht.“

Nun weinte ich frei heraus wie ein kleines Kind. „Warum seid Ihr so zu mir? Warum behandelt Ihr mich so? Ihr habt mich dazu gebracht, mich Euch hinzugeben und jetzt seid Ihr so grausam…“

„Grausam, mein lieber Junge?“, wiederholte Rabe und seine Züge wurden hart. „Du weißt nicht einmal was dieses Wort bedeutet. Weißt du, ich bin nicht gerade bekannt dafür, meinen Gespielen allzu viel Sanftmut angedeihen zu lassen, das ist wohl wahr. Ich bin ein Dieb, Amatus, ein Spieler und ich bin ungeduldig. Gierig. Ich kenne kein Maß. Ich nehme mir, was ich haben will – und das bist nun einmal gerade du. Du hoffst, von mir geliebt zu werden, weil du glaubst, deinerseits mich zu lieben… aber das hast du von mir nicht zu erwarten. Du solltest es dir nicht einmal wünschen, denn was du Liebe nennst, ist mir völlig unbekannt und was ich darunter verstehe, würde dich zerstören. Lust kann ich dir schenken, jeden nur erdenklichen Rausch der Sinne und alle Freuden, selbst jene, von denen du bisher nicht einmal zu träumen wagtest. Aber Liebe… nein, Amatus, Liebe kann ich dir nicht bieten. Entscheide dich, ob du damit leben kannst, um der Wonnen willen, die dich erwarten, wenn du mit mir gehst. Kannst du es nicht, nun… dann trennen sich unsere Wege hier.“

Das war das schrecklichste, was ich je hatte hören müssen und ich war am Boden zerstört. Mein Verstand - das, was davon noch übrig war - befahl mir, diesen Ort zu fliehen, fortzulaufen und nicht mehr zurückzublicken, doch mein Herz, dies verräterische, schwache Ding schrie mit jeder Faser nach seiner Nähe.

„Ich wäre… ich bin demnach nicht mehr für Euch als ein hübsches Spielzeug?“

„Das kann ich schwerlich leugnen.“

„Ein Spielzeug wirft man weg, wenn man genug davon hat… oder wenn es zerbrochen ist…“

„Auch das ist richtig. Weißt du, Amatus, ich bin zu allem übrigen auch noch ein begnadeter Lügner und ich könnte dir mit den süßesten Worten schmeicheln und dir allerlei Versprechungen machen, doch in dieser Sache will ich ehrlich zu dir sein. Irgendwann wirst du mich langweilen. Deine Jugend und Schönheit werden verblassen und irgendwann wirst du mich nicht mehr zu reizen vermögen. Dann werde ich dich fortschicken und du wirst froh darum sein, dass ich dich nicht mehr haben will.“

„Ihr seid älter als ich“, wagte ich den schwachen Versuch eines Protestes.

Rabe riss in gespieltem Erstaunen die Augen auf.
„Aber natürlich, mein süßer Junge. Viele, viele Jahre sogar…“
„Dann seid Ihr lange vor mir alt und reizlos.“ Mir war klar, dass ich mich anhörte wie ein kleiner trotziger Junge, doch hatte ich nicht alles Recht dazu? War nicht das, was er mir gesagt hatte, gemein und grausam gewesen?
Es war sinnlos. Rabe lachte nur, meine Worte schienen auf ihn – natürlich – keinerlei Eindruck zu machen.

„Ah, ist das so? Denkst du das wirklich? Vielleicht hättest du deinem Vater Abt besser zuhören sollen…“

„Diesen Unfug von wegen, Ihr wäret so eine Art Dämon? Ich mag dumm genug gewesen sein zu glauben, ich sei mehr für Euch als nur eine… kleine Abwechslung, aber haltet mich nicht für so dumm, das zu glauben…“

„Kein Dämon, nein, Amatus. Ich bin etwas ganz anderes und ob du es glaubst oder nicht, ist deine Sache. Ich denke, du weißt es tief im Inneren, du willst es dir nur nicht eingestehen, weil es nicht in dein beengtes Bild von der Welt passt. Ich bin jeder und ich bin niemand. Ich bin der Spieler, der Narr, der Gaukler. Ich bin der, der Unglück bringt, der Galgenvogel. Ich bin Rabe.“

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