Donnerstag, 28. April 2016

Rabenballade - Kapitel 4



 (Wer noch einmal nachlesen will, was zuletzt geschah, weil das letzte Kapitel ja doch schon eine Weile her ist, kann das HIER tun. Oh, und um eine kleine Warnung auszusprechen für diejenigen, die es vielleicht nicht lesen wollen: Dieses Kapitel enthält sexuelle Handlungen. Zwischen Männern... bzw. männlichen Wesen. Oder so. Armer Amatus.)

IV

In den nächsten Tagen – viele waren es nicht, zwei oder drei vielleicht – vermied ich jeden Kontakt zu meinem merkwürdigen Findling, der darüber hinausging, ihn mit Nahrung zu versorgen und mich mit knappen, kühlen Worten nach seiner Genesung zu erkundigen. Tatsächlich ging die Heilung über die Maßen rasch vonstatten und ich war einerseits froh darüber, denn so wäre ich ihn sicher bald los.
Denn in der Tat schien etwas Dunkles und Gefährliches, geradezu Boshaftes unter der wohlgestalten Oberfläche zu lauern … doch zugleich nagte bei dem Gedanken, ihn so bald schon wieder zu verlieren, ihn nicht mehr täglich ansehen zu können, ein tiefer Schmerz an meiner Seele.
Ich wollte es mir nicht eingestehen und musste es doch – ich hatte mein Herz an ihn verloren, an diesen seltsamen Fremden mit den abgründigen Augen.
Und zugleich fürchtete ich mich vor ihm, so sehr, dass ich es kaum in seiner Gegenwart aushielt – doch sobald ich ihn verließ, schrie alles in mir danach, wieder bei ihm zu sein, ihn nur allein anzusehen, jede seiner grazilen Bewegungen mit hungrigem Blick zu folgen .
Beinahe war ich - und es beschämt mich ungemein, es zuzugeben – eifersüchtig auf die Raben, die sich seiner Liebkosungen erfreuen durften. Wie sehr wünschte ich mir, dass ich es war, dem die langen Finger zärtlich durchs Haar fuhren, gerade so, wie sie es mit dem Gefieder dieser dummen Tiere taten, die das doch nicht zu würdigen wussten…
Es waren grauenvolle Tage der Verwirrung und ich verbrachte viel Zeit im Gebet, flehte Gott an um einen Fingerzeig, was ich tun und wie ich mich verhalten sollte, um den kleinsten Hinweis nur, wie ich mit meinen widerstreitenden Gefühlen umgehen sollte…

Doch Gott schwieg.
Diesen Kampf, so merkte ich bald, musste ich mit mir allein ausfechten, denn ich mochte mich auch keinem der Brüder anvertrauen. Nicht einmal mit Vater Hironymus wagte ich darüber zu sprechen, denn hatte er mich nicht gewarnt? So sinnlos und irr mir seine Worte zunächst erschienen waren, konnte nicht doch etwas Wahres daran sein? Sprach er vielleicht sogar gänzlich wahr?
Ich wusste nicht mehr, wem oder was ich glauben sollte und fühlte mich so allein und verlassen inmitten meiner Brüder wie noch nie in meinem jungen Leben.
Es war so falsch, was ich fühlte, so wider der Natur und wider Gottes Wille und doch… ich konnte nicht lassen von dieser schmerzhaften Vernarrtheit in den Fremden.
Wenn er doch nur endlich fortgehen wollte… gewiss, das Herz würde mir brechen und doch, ich würde darüber hinwegkommen.
Ich würde eine Weile trauern und mich mit harter Arbeit und Gebet ablenken und ihn ganz gewiss irgendwann vergessen haben.
Das dünkte mir das Klügste.

Aber ach, wie weh wurde mir, als mein Wunsch sich schließlich erfüllen sollte.
Als ich an jenem Abend in den Stall schlich, erwartete mich der Fremde in höchst aufgeräumter Stimmung. Zum ersten Male sah ich ihn aufrecht dasitzen, geradezu angespannt, wo er sich bisher lang ausgestreckt im Stroh gelümmelt hatte. Er trug die – in der Tat für ihn reichlich kurze – Kutte unseres Ordens, die ich aus dem Waschhaus entwendet hatte und hatte seinen langen, zerlumpten Mantel darüber gezogen.
Seine Raben waren nirgendwo zu sehen.

„Wo sind sie? Kann der eine wieder fliegen?“, fragte ich und eine bange Ahnung erfüllte mein Herz.

„Ja.“
Er wirkte nervös, seine Bewegungen waren fahrig.
„Es wird Zeit, weiter zu ziehen. Ich muss den Himmel über mir haben. Ich danke dir für deine Hilfe und Gastfreundschaft, mein lieber Junge… Morgen gehe ich fort.“

„Oh.“ Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen und wusste lange Zeit nichts zu sagen.

„Das tut dir leid, nicht wahr… Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass ich wenig getan habe, mich beliebt zu machen…“

Er musterte mich mit schräg gelegtem Kopf und nachdenklichem Blick. Ich spürte es mehr als dass ich es wirklich sah, denn ich starrte absichtlich an ihm vorbei und wagte nicht, ihn anzusehen, aus Furcht, mich zum Narren zu machen. Um nichts in der Welt sollte er meine Tränen sehen, doch schon damals, jung und naiv, wie ich war, war mir dennoch klar, dass er genau wusste, wie es um mich stand. Dass ich mich wie eine liebeskranke und von Abschiedsschmerz geplagte Jungfer gebärdete.

„Es ist“, hub ich schließlich an und war erstaunt, dass es mir gelang, meiner Stimme einen einigermaßen festen Klang zu verleihen, „wie es ist. Ihr habt Euer Leben, ich das meine. Und darum trennen sich unsere Wege hier. Ich muss gestehen, ich bin nicht wenig erstaunt, Euch so schnell schon wieder genesen zu sehen, doch ich bin froh darum. Gibt es noch etwas, das ich für Euch tun kann, bevor Ihr mich… uns verlasst?“

„Das gibt es in der Tat, Amatus, und das weißt du auch. Komm mit mir“, drängte er. „Lass mich dir die Welt zeigen, die Lust, die Sünde. Wirf dein langweiliges Klosterleben fort und folge mir. Ich sage nicht, dass es leicht wird, ich bin kein sanfter… Mensch, doch was ich dir geben kann, wirst du in deinen kühnsten Träumen nicht erleben.“

„Hört auf, ich bitte Euch!“
Nun brach ich tatsächlich in Tränen aus.
„Hört auf, mich zu verspotten. Was könntet Ihr mit einem wie mir anfangen… Nein, geht einfach, geht und macht es mir nicht so schwer. Mein Platz ist hier, bei meinen Brüdern, bei Gott. Hier gehöre ich hin und nicht in Eure Welt der Sünde. Lebt wohl… ich kann nicht…“

Was ich nicht zu können glaubte, würde, so schien es, auf ewig ungesagt bleiben, denn ich hatte nur noch den einen Gedanken: Fort!
Fort von ihm, bevor mein Widerstand, bevor mein Glaube in Nichts zusammenfallen konnte. Und so floh ich seine verderbliche Nähe, so rasch ich nur vermochte und hastete zu dem einzigen Ort, von dem ich mir Linderung von meinem Herzeleid versprach.

Erst als ich die Tür der Bibliothek fest hinter mir verschlossen und die dicken Wachskerzen angezündet hatte, wagte ich wieder, etwas freier zu atmen. Meinen Tränen ließ ich nun endlich freien Lauf.
Wie konnte er mir das nur antun!
Wie konnte er nur so grausam sein!
Ich war erschöpft und so unglücklich, wie ein junger Bursche in meinem Alter nur sein konnte.
Kaum dass ich wusste, was ich tat, zog ich den erstbesten Folianten hervor, dessen ich habhaft wurde und versuchte mich in die farbenfrohen Buchmalereien zu vertiefen. Fremdländische Pflanzen und Tiere zeigten sie, die hier nicht heimisch waren und Menschen in seltsamen Gewändern, die ich nicht kannte.
Es war mir nicht wichtig, was in diesem Buch geschrieben stand… die fein gemalten Buchstaben verschwammen mir vor den Augen… ich war so entsetzlich müde…einen Moment nur würde ich rasten, einen Herzschlag lang nur die brennenden Lider schließen…

Als ich aufwachte, lag mein Kopf auf den verschränkten Armen und die Kerzen waren weit heruntergebrannt.
Es musst weit nach Mitternacht sein.
Und ich war nicht länger allein.

„Wie seid Ihr hier hereingekommen? Ich hatte die Tür verriegelt… und außerdem sollt Ihr nicht hier sein…“

Er lehnte an dem Studiertisch, an dem ich geschlafen hatte, und lächelte mich in stillem Vergnügen an. Nun trug er weder Mantel noch Kutte, nur seine engen Beinlinge und hohen Stiefel und wo dem Zustand nach zu urteilen, in dem ich ihn aufgefunden hatte, frische Narben seinen nackten Oberkörper hätten entstellen müssen, war nichts zu sehen als glatte, blasse Haut, die sich über Knochen und harte Muskelstränge spannte, Haut so blass, dass sie im flackernden Licht der Kerzen die Farbe von Elfenbein annahm und in mir das irrsinnige und verbotene Verlangen weckte, mit den Fingern darüber zu fahren.
Ach, ihn doch nur einmal berühren zu können…

„Ah, mein süßer Junge, sehe ich denn aus wie einer, den ein einfaches Schloss aufhält? Oder wie jemand, der sich vom Verbot eines Kirchenmannes abhalten lässt?“

Mich schauderte. Seine Stimme hatte einen wilden, geradezu animalischen Klang angenommen, den ich bisher nicht darin vernommen hatte und mir war völlig klar, was er im Sinn hatte.
Und ich?
Ich würde geschehen lassen, was auch immer nun geschehen sollte… Wie schwach ich doch war, wie dumm und leicht zu verführen…

„Bitte, geht…“, versuchte ich noch aufzubegehren, wohl wissend, wie fruchtlos diese Bemühung war.

„Nein, Amatus.“ Er trat um den Tisch herum und streckte die Hand aus. Seine langen Finger strichen sacht über mein Gesicht, wanderten hinunter über meinen Hals und fanden Halt am Kragen meiner Kutte. Ich schloss die Augen, war voll banger Erwartung, was er als nächstes tun würde.
„Ich will dich haben, Amatus, und ich werde dich bekommen. Ich kann dich lesen wie du ein offenes Buch lesen kannst… und ich weiß, dass du mich ebenso begehrst wie ich dich.“

Im nächsten Moment schon fühlte ich mich gepackt und aus meinem Sitz hochgezogen. Noch nie hatte ich geküsst, war noch nie geküsst worden. Ich kann es nicht beschreiben, was dieser Kuss mit mir anstellte… es lag nichts Liebevolles darin, keine Zärtlichkeit, nur tierisches, primitivstes Begehren, reine Lust. Es war brutal und grauenvoll und wunderbar und ich schlang die Arme um ihn, krallte mich in seinen Rücken und wollte nie wieder loslassen, ihn nie mehr gehen lassen…

Als er sich schließlich von mir löste, fühlte ich mich, als sei mir etwas unendlich Kostbares entrissen worden.
„Bitte“, wimmerte ich mit einer Stimme, die ich kaum mehr als meine eigene erkannte, „Bitte…“

Ein leises Lachen war die Antwort.
Er bewegte sich so schnell, dass ich es, verwirrt, wie mein Geist war, kaum mitbekam und war auf einmal hinter mir, atmete mir heiß und schwer in den Nacken und ich glaubte, vor Lust schier wahnsinnig werden zu müssen.
Mit der linken Hand hielt er meine Kehle umfasst, die rechte streifte meine Kutte hoch, suchte und fand mein Glied, das sich – dummes, verräterisches Ding, das es war – längst aufgerichtet hatte.
Das seine drückte hart gegen meine Hinterbacken, rieb sich an meinem sündigen Körper… das und die rhythmischen Bewegungen der langen, glühend heißen Finger, die meine Männlichkeit mit eisernem Griff umschlossen, waren mehr als ausreichend, dass ich mich dem Wahnsinn nur allzu gern ergab.
Mich windend und stöhnend wie ein brünstiges Tier ergoss ich mich in seine Hand und brach schließlich über dem Tisch zusammen.
Dann wurde es nur mehr schwarz um mich herum.

Ich fuhr mit einem Keuchen hoch und wusste nicht wo ich war.
Als sich mein Blick schließlich klärte, wurde mir bewusst, dass ich mich in meiner Zelle befand, in meinem eigenen Bett. Kissen und Laken waren schweißgetränkt und klebten an mir und endlich wurde mir klar, dass es nur ein Traum gewesen war.
Nur ein Traum.
Dafür sprach auch der feuchte und ganz gewiss nicht vom Schweiß herrührende Fleck in meinem Nachtgewand und der dünnen Wolldecke.

Wie unangenehm, wie peinlich.
Natürlich hatte ich bereits davon gehört, dass junge Burschen wie ich, mitten in der Adoleszenz, anfällig waren für diese sogenannten „feuchten Träume“, doch das vermochte mich gerade nicht zu beruhigen. Solches war mir schon geschehen, angeblich handelte es sich dabei um eine zwar peinliche, aber dennoch völlig normale Erscheinung, die vom Erwachsenwerden herrührte, doch noch nie hatte ich mich an den Traum erinnern können, noch nie hatte er mir auch nach dem Aufwachen noch so lebhaft vor Augen gestanden…
Von Scham erfüllt wickelte ich mich aus der Decke und trat ans Fenster meiner Zelle, sog gierig die kalte Nachtluft in die Lungen, als es an meiner Tür klopfte.

„Amatus? Amatus, geht es dir wohl?“
Das war Bruder Darius‘ Stimme. Darius bewohnte die Zelle neben meiner und hatte einen mehr als leichten Schlaf. Was hatte er wohl gehört, welche Geräusche hatte ich in meinem Traum wohl von mir gegeben?

Schnell warf ich meine Kutte über mein Nachtgewand – die verräterischen Flecken musste er nicht unbedingt zu Gesicht bekommen – und öffnete die Tür einen Spalt breit.
Ich blickte in ein besorgtes, müdes und freundliches Gesicht.

„Es geht mir gut, Bruder. Ich hatte… einen Alptraum, mehr nicht.“

„Dem Herrn sei Dank… Ich habe dich stöhnen und dich herumwälzen hören im Schlaf und glaubte schon, du seist krank. Ist wirklich alles in Ordnung?“

Nein, nichts war in Ordnung, im Gegenteil - doch das konnte ich wohl schlecht sagen.

„Ja, wirklich. Ich danke dir für deine Sorge… und es tut mir leid, dass ich deinen Schlaf gestört habe. Ich kann mich nicht erinnern, was mich befallen hat, ein Alpdruck wahrscheinlich, mehr nicht. Geh nur wieder zu Bett.“

„Gut. Nun denn… Gute Nacht.“ Damit zufrieden kehrte Darius mir den Rücken und ging wieder in seine Zelle, wo er sicher gleich wieder auf seine Bettstatt sinken würde, im guten Gewissen, richtig gehandelt zu haben, als er sich nach dem Befinden seines Mitbruders erkundigte und sich vergewisserte, dass alles seinen gewohnten Gang ging.
Ich konnte es ihm nicht verübeln, konnte er doch nicht wissen, ja, nicht einmal erahnen, dass schlichtweg nichts seinen gewohnten Gang ging mit mir.
Ich trat wieder ans Fenster und sah hinaus.
Dann wandte ich mich ab und verließ leise, ganz darauf bedacht, kein Geräusch zu verursachen, meine Zelle.
Mein Entschluss stand fest.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen