Montag, 8. Februar 2016

Rabenballade - Interludium und 3. Kapitel



Interludium

Die Erinnerung des Abtes

„Ich weiß, Amatus, dass du dich fragst, warum ich so hart an unserem unbekannten Gast handle, dem du doch nur aus einer Notlage helfen willst. Du glaubst, dass ich einem armen Menschen die dringend benötigte Unterstützung nicht zu gewähren bereit bin, der sich unser Orden doch verschrieben hat und ein Teil von dir, wenn auch nur ein kleiner, hasst mich gerade dafür. Das ist dein gutes Recht, du kannst gar nicht anders denken, denn du weißt nicht, was ich weiß; ich habe dir nie erzählt – warum auch - was ich erlebt habe. Lass es mich dir erzählen und vielleicht wirst du dann verstehen – auch wenn ich es zu bezweifeln wage. Für dich wird sich das, was ich dir nun erzählen will, anhören wie das blödsinnige Geschwätz eines alten Mannes, der den Verstand zu verlieren droht und es wird dir völlig unmöglich erscheinen. Doch lass mich einfach bis zum Ende sprechen…
Wie du weißt, war nicht immer ein Mann des Glaubens, ich habe meine Berufung erst spät im Leben gefunden. Du erinnerst dich vielleicht, dass ich dir einmal erzählte, womit ich früher meinen Lebensunterhalt bestritt, bevor ich in dieses Kloster eintrat. Ich bin nicht stolz darauf, einmal ein bezahlter Streiter gewesen zu sein, doch dies war nun einmal mein Leben. Für welchen Herrn ich stritt, für welches Ziel, das war nicht wichtig, allein, was zählte, war die Entlohnung für meine Dienste. Es war ein einfaches Geschäft - mein Schwert gegen klingende Münze – und ein grausiges, ohne Ehre. Gott spielte keine Rolle in dieser Art zu leben, ich hätte ihm nicht ferner sein können.
Einmal, es ist viele, viele Jahre her, da standen meine Kameraden und ich im Dienste eines Fürsten, den Aufständische plagten. Arme Bauern waren es, die schwer zu leiden hatten unter den Steuern, die ihr Lehnsherr wieder und wieder erhöhte, um dem Luxus frönen zu können. Nach einem von Missernten und Hunger gezeichneten Jahr rotteten sie sich schließlich zusammen und probten den Aufstand, unzureichend bewaffnet und noch unzureichender ernährt. Sie hielten uns, die wir satt und gut ausgerüstet waren, nicht lange stand. Ich will nichts beschönigen, es war nicht einmal ein echter Kampf zwischen Gleichgestellten, es war ein reines Abschlachten, ein Blutbad sondergleichen. Am Ende stand ich auf diesem kahlen Feld zwischen all den toten Körpern - es waren auch Frauen dabei und ganz junge Burschen, fast Kinder noch jünger als du es heute bist - und es dämmerte mir, dass dies nicht das Leben war, das ich zu führen wünschte. Ich hatte Menschen ermordet, die doch nicht mehr verlangten als das Nötigste zum Leben, als sich und ihre Liebsten ernähren zu können… Doch noch war dies nicht der Wendepunkt in meinem Leben, es sollte noch eine ganze Weile dauern, bis ich meinen Entschluss in die Tat umsetzte, mich fortan dem Leben zu verschreiben und nicht mehr dem Tod… und um mich geht es hierbei auch gar nicht. Vielmehr um das, was dann geschah… ich weiß nicht, ob es Zufall war oder Schicksal, jedenfalls stand ich dort sinnend auf diesem Feld in jenem harten Winter – und ein harter Winter war es, Amatus, oh ja. Du magst denken, der diesjährige sei einer, doch lass dir gesagt sein, dieser Winter damals war viel, viel strenger als alle, die du bisher erlebt hast. Er begann viel zu früh und schien niemals enden zu wollen. Mensch und Tier erfroren gleichermaßen geradezu reihenweise…
Meine Kumpane hatten sich bereits vom Schlachtfeld zurückgezogen und feierten unseren erbärmlichen Sieg, nur ich allein war übrig – da sah ich ihn. Zuerst kamen die Aasfresser, die Raben und Krähen, ganze Scharen von ihnen, und sie setzten sich auf die Toten nieder und pickten an ihren Augen … sie fangen immer mit den Augen an, die sind für sie am leichtesten zu erreichen…  und dann… dann war er da. Wie aus dem Boden gewachsen – oder soll ich sagen, wie vom Himmel gefallen? Das Blutbad hatte am helllichten Tag stattgefunden, auf einem weiten, freien und baumlosen Feld und doch hatte ich ihn nicht kommen sehen…Ich hätte sein Herannahen doch bemerken müssen… völlig unmöglich, das nicht zu tun und doch… Er sah genauso aus wie heute, ich schwöre bei Gott, er ist nicht um einen Tag gealtert. Ein schöner junger Mann, ein schwarzer König in Lumpen, ganz stolz und voller Grausamkeit. All der Tod und das Blut schienen ihn zu erfreuen, er schien sich regelrecht daran zu ergötzen. Hoch aufgerichtet und lächelnd schritt er zwischen den Leichen umher und die schwarzen Vögel flatterten um ihn herum und gehorchten seinem Wort. Er benahm sich, als sei all dies sein Werk und als sei er unglaublich stolz darauf. Damals wusste ich nicht, ob er mich überhaupt bemerkt hatte, doch als ich ihn heute wieder erblickte, wusste ich es. Auch er erkannte mich wieder…Er war so schön, Amatus, und sein Lächeln so grausig… ich fand und finde keine Worte dafür, noch immer nicht. Er stand zwischen den Toten und begann zu lachen und da wusste ich, dass er kein Mensch war, kein Mensch sein konnte. Dass er nicht von dieser Welt ist.“

„Aber Vater, verzeiht…“, unterbrach ich ihn. Ich hatte seinen Ausführungen gebannt und atemlos gelauscht, doch jetzt schien mir ein guter Zeitpunkt, meine eigene Meinung kundzutun. „Vater, das kann nicht sein. Ihr habt den armen Teufel doch gesehen… Der Mann ist dem Tode nahe und ganz gewiss nicht mehr als ein Landstreicher, ein armer Vagant… niemand, der uns gefährlich werden könnte.“

„So siehst du ihn, Amatus. Weil er dich ihn so sehen lassen will. Aber lass dir gesagt sein, mein Sohn, sobald er erst genesen ist, wirst du erkennen, was ich damals sah. Seine Wunden mögen ihn entstellen, der Blutverlust ihn geschwächt haben, doch…“

„Vater, der Mann wird ganz gewiss sterben. Ich kann nichts für ihn tun.“

„Oh nein, so viel Glück werden wir nicht haben. Vermutlich war es ein Kampf mit einem anderen Wesen seiner Art, der ihn in diesen Zustand versetzt hat, doch ich bin ganz sicher, dass er gar nicht sterben kann. Und sobald er wieder zu Kräften gekommen ist, wird er so sein, wie ich ihn damals erlebte. Stolz. Grausam. Und gefährlich. Ja, gefährlich vor allem.“

„Wenn Ihr ihn für so gefährlich haltet, warum…“

„Ach, mein lieber Junge, wann hätte ich dir je etwas abschlagen können? Mein Verstand sagt mir, ich hätte ihm gleich die Tür weisen sollen, wie ich es vorhatte, doch mein Herz… mein Herz konnte dich nicht so sehen, so verzweifelt in deinem Bemühen, hilfreich zu sein. Du bist so voller Liebe und Güte und ich hege die Hoffnung, dass er dir nichts anhaben wird, dass dein Glaube und deine Güte dich schützen können.“

Seufzend drehte Hironymus den Federkiel in den knorrigen Fingern und starrte eine ganze Weile gedankenverloren auf das Schreibwerkzeug, bevor er schließlich leise fortfuhr: „Und ich glaube, dass ich ihn nach so vielen Jahren ausgerechnet hier wiedersehen muss, ist eine Prüfung. Meine Prüfung. Ich soll Vertrauen darin haben, dass du das Richtige zu tun weißt. Ich kann dir dabei nicht helfen, ich kann dir nur zur Seite stehen und dich warnen. Warnen vor etwas, das ich selbst nicht ganz verstehe und darum kann ich auch nicht erwarten, dass du es verstehst. Ich muss vertrauen: Auf Gott, auf unseren festen Glauben und auf deine Klugheit.“

Ich wusste nichts darauf zu sagen. Die Worte des Alten ergaben überhaupt keinen Sinn für mich - wenn ich ihnen Glauben schenken wollte, so handelte es sich bei diesem Fremden um etwas Böses, das gekommen war, meine Seele zu verderben. So wie der Vater Abt sprach, war der Fremde… Hironymus schien meine Gedanken erahnt zu haben, denn er setzte noch hinzu: „Geh nun zur Ruhe, Amatus und denke über meine Worte nach. Nur eines will ich dir noch mit auf den Weg geben: Den du uns ins Haus gebracht hast, ist kein Mensch, so viel steht fest. Vielleicht war er einst einer, ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, dass er ein gefährlicher Gast ist.
Er ist der wilde, dunkle Herr der Raben.“


III.

Als ich Vater Hironymus’ Studierzimmer verließ, schwirrte mir der Kopf. Es war mir unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Konnte es sein, das er tatsächlich glaubte, was er mir da gerade erzählt hatte? Hielt er den Fremden wirklich für eines dieser Wesen, von denen ich stets gelernt hatte, dass sie vor Gottes Augen doch gar nicht bestehen konnten? Vater Hironymus war nie auch nur im Mindesten anfällig für ketzerische Gedanken gewesen, doch zu behaupten, es gäbe Wesenheiten, bösartige Wesenheiten, die dem Herrn zu trotzen vermochten, das war Ketzerei in reiner Form. Ein anderer Gedanke drängte in den Vordergrund – Vater Hironymus war alt, weit über siebzig Jahre inzwischen.
Was, wenn sein Geist endlich begann, schwach zu werden?
Ich hatte einige wenige Male Menschen erlebt, die im Alter den Verstand verloren hatten; es hatte mit Kleinigkeiten begonnen, die zunächst kaum auffielen. Mit Vergesslichkeit, damit, dass sie Unsinn redeten, und es wurde mit jedem Tag, der verging, immer schlimmer, bis sie schließlich kaum mehr waren als einfältig daher brabbelnde Schatten ihrer selbst, hilflos wie kleine Kinder und unfähig, für sich selbst zu sorgen.
Ich erinnerte mich schwach, dass, als ich selbst noch ein Kind war, Gott einen unserer Brüder in ebendiesem Zustand zu sich gerufen hatte.
Es war Bruder Paul gewesen, wenn ich mich recht entsann, und ich erinnerte mich ebenfalls, wie er eines Morgens nur im Nachtgewand im Refektorium erschienen war - das er für die Kapelle hielt -, weil er seine Kleider nicht mehr fand, die er doch wie jeden Abend an den Haken hinter der Tür gehängt hatte. Danach hatte es nicht mehr lange gedauert, bis er von uns ging.
Es war ein trauriges Schicksal und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es nun an Vater Hironymus war, denselben Weg einzuschlagen. Anders war das wirre Gerede, das er da von sich gegeben hatte, doch nicht zu erklären!
Es stimmte mich unendlich traurig, diese Möglichkeit nicht ausschließen zu können, hatte ich doch Vater Hironymus stets gerade für seine Klugheit und seinen scharfen Verstand bewundert. Doch was konnte man tun – es gab und gibt keine Kur gegen diese schreckliche Krankheit des Alters, die doch längst nicht jeden befiel, und so gab es für mich wohl nichts weiter, als ihm treu und hilfreich zur Seite zu stehen und ihn zu begleiten, so lange es nur ging.

Doch das war nicht die einzige Sorge, die mein Herz quälte – ich fürchtete mich vor dem, was ich am Morgen vorfinden würde, wenn ich den Stall betrat. Den kalten, toten Körper des fremden Mannes nämlich, dessen Leben zu retten mir ein so großes Anliegen gewesen war.

Ich war, das muss ich gestehen, und ich schämte mich nicht wenig dafür, wusste ich doch damals nicht, was ich jetzt weiß, zu feig, um noch einmal hinzugehen, nachdem ich Vater Hironymus verlassen hatte. Ich dachte, ich hätte es tun sollen, ich hätte bei ihm sein sollen, bei diesem armen Heimatlosen und ihn begleiten bei seinem Übergang, vielleicht mit ihm oder, da er das augenscheinlich ja nicht wollte, zumindest für ihn beten in seinen letzten Stunden, so sehr er mir mit seiner spöttischen, unwirschen Art auch auf die Nerven gegangen sein mochte… allein, ich wagte es nicht.
Zu groß war meine Furcht, war mein Grausen davor, das Unausweichliche mit ansehen zu müssen. Mitzuerleben, wie ein Mensch vor meinen Augen starb.

Und so tat ich das Einzige, das mir in diesem Moment einfiel – ich gehorchte meinem Vater Abt und ging zu Bett.
Doch der Schlaf wollte sich nicht einstellen, Stunde um Stunde lag ich wach und grämte mich. Als ich die anderen sich zum Nachtgebet sammeln hörte, überlegte ich kurz, mich ihnen anzuschließen – für mich als Novizen war die Teilnahme daran noch keine Verpflichtung -, doch ich war zu aufgebracht als dass mir das gemeinsame Gebet Linderung gebracht hätte und zu erschöpft andererseits als dass ich mich hätte aufraffen können.

Der trüb graue Morgen fand mich dann auch in einem fürchterlichen Zustand der Verzweiflung – nicht einmal die stummen Worte, die ich in meiner Not an alle Heiligen und den Herrn selbst gerichtet hatte, hatten mich zu beruhigen vermocht. Ich quälte mich von meiner Bettstatt und entschied, dass ich mich zumindest einer meiner Sorgen stellen musste, und zwar sofort, bevor mich der Mut erneut zu verlassen drohte.

Im Stall war es warm und still, ich hörte nichts als das schläfrige Meckern einer oder zweier Ziegen, die ich für ihr Empfinden viel zu früh störte, und das leise Bimmeln des Glöckchens des Leittieres. Vorsichtig und mit bangem Herzen trat ich zu der Stelle ganz hinten, an der ich am Abend zuvor meinem fremden Gast mehr schlecht als recht mit Leintüchern eine Art Alkoven errichtet hatte, um ihn zumindest ein wenig vor den Blicken derer, die im Stall zu tun hatten, zu schützen. Obwohl das ganz sicher ein sinnloses Unterfangen war; Bruder Caspar, der für die Tiere zuständig war, war von ausgesprochen schlichtem Gemüt und hätte ihn sicher erst bemerkt, wenn er bereits auf ihn getreten wäre.
Mit zitternder Hand zog ich den provisorischen Vorhang beiseite – und ließ vor Erstaunen ein lautes Keuchen hören.

Denn nicht allein war mein Findling nicht über Nacht verstorben, es schien ihm sogar um einiges besser zu gehen.
Augenscheinlich recht zufrieden lag er lang ausgestreckt im Stroh und neckte seinen Raben, den mit dem gebrochenen Flügel.
Der andere hockt, wie ich feststellte, auf einem Dachsparren und kollerte leise, als er mich bemerkte. Es war ein Bild des Friedens und mein Herz tat einen erfreuten Sprung – hier hatte Gott wahrlich ein Wunder gewirkt. Eine ganze Weile stand ich nur da und starrte, so sehr nahm mich der Anblick gefangen und wunder und ich hätte wohl noch viel länger dagestanden, hätte nicht der Fremde irgendwann ohne aufzusehen, das Wort an mich gerichtet: „Wie lange willst du noch da herum stehen und mich anglotzen, Junge? Hm?“

„Ihr lebt!“, entfuhr es mir. Mehr fiel mir gerade nicht zu sagen ein.

„Offensichtlich. Ja. Enttäuscht, Mönchlein?“ Jetzt erst sah er zu mir hoch und sein dunkler Blick schien mich geradewegs durchbohren zu wollen.
Es war mir für den Moment völlig egal, wichtig war nur, dass der Kampf um sein Leben gewonnen schien.

„Nein. Nein, auf gar keinen Fall. Es ist nur… wenn ich Euren Zustand gestern bedenke… es ist erstaunlich!“

„Erstaunlich, mein süßer Junge, ist allein, wie wenig trunken das Zeug macht, das du mir angedreht hast. Im Ernst, habt ihr hier nichts Stärkeres?“

Diese Bemerkung dünkte mich so profan, so komisch gleichermaßen, dass ich nicht anders konnte als in schallendes, erleichtertes Gelächter auszubrechen. Ich konnte mich kaum halten, all meine Sorgen, all meine Zweifel brachen sich in diesem Gelächter Bahn. Lachend ließ ich mich ihm gegenüber ins Stroh fallen und es dauerte dann auch eine ganze Weile, bis ich mich wieder einigermaßen beruhigt hatte und zum normalen Sprechen fähig war.

„Geht es wieder, Mönchlein?“
Auf den ausgezehrten Zügen des Fremden lag ein ausgesprochen amüsierter Ausdruck. Erneut fiel mir auf, wie schön er doch eigentlich war, besonders nun, da von den grausigen Wunden nicht mehr übrig war als ein paar dünne, leicht gerötete Kratzer, die sicher auch bald verschwunden sein würden.
Ein Wunder fürwahr.
Nur zu gern hätte ich gewusst, ob die Wunden, die ich unter seiner Kleidung vermutete, ebenso von der schnellen Heilung betroffen waren…
Ich musste wohl laut gedacht haben, denn er maß mich mit einem abschätzenden Blick und meinte launig: „Ihr müsst hier wirklich wenig Freude haben, wenn du so wild darauf bist, dass ich mich vor dir entkleide. Das sind in der Tat interessante Gelüste, die du hegst, mein süßer Junge.“

Sofort stieg mir die Hitze in die Wangen, ich konnte fühlen, wie ich errötete.
„Ihr denkt… nein, das ist es nicht. Wie kommt Ihr denn darauf…Ich möchte nur wissen, ob…“

Doch er lachte nur über mein Gestammel.
„Schon gut, ich wollte dich nur necken. Verzeih mein loses Mundwerk, bitte. Du bist ein guter Junge und hast ein gutes Herz. Falls du wirklich sündige Gedanken hegst, bist du dir derer nicht einmal bewusst, das erkenne ich leicht. Aber sag…“ Er richtete sich in eine sitzende Haltung auf und stützte das spitze Kinn in die Hand, ganz aufmerksamer Zuhörer. „Etwas bedrückt dich doch. Und das ist doch nicht allein der Furcht geschuldet, du hättest mich tot vorfinden können…“
Wenn des Fremden Augen auch immer noch fiebrig glänzten, war ihr Blick doch scharf und durchdringend und ich wand mich nicht wenig darunter.

„Nun ja... ich sollte vielleicht nicht darüber reden, aber... ich sorge mich ebenfalls um Vater Hironymus“, gab ich zu. „Er... er redet irr und ich befürchte, es sind die Zeichen der Altersblödheit, die sich an ihm zeigen.“

„Tatsächlich? Das wäre in der Tat tragisch. Du scheinst ihn sehr zu bewundern... Was sagt er denn?“

„Er denkt... ach, es ist wirklich zu dumm... „ Verlegen blickte ich zur Seite, zerknickte fahrig einen Strohhalm zwischen den Fingern. „Er behauptete, Ihr könntet gar nicht sterben, weil Ihr... Ihr wärt... so eine Art Dämon... Ach, ich weiß auch nicht.“

Zu meiner Überraschung begann er zu lachen. Bei dem Geräusch kam seine Vögel herbei gehüpft und sprangen ihm leise kollernd in den Schoß. Der Fremde – ich wusste noch immer nicht seinen Namen - kraulte den großen Tieren sacht das Gefieder.

„Amatus, ich glaube, um den Geisteszustand deines Vater Abtes musst du dir keine Gedanken machen. Im Gegenteil, dein Hironymus ist ein sehr weiser Mann und sieht die Dinge so, wie sie tatsächlich sind. Denn ich bin gefährlich, Amatus, gefährlich für dich und dein Seelenheil“

„Ihr wollt mir also weismachen, dass er Recht hat? Dass Ihr kein Mensch seid? Oh, wisst Ihr was? Veralbern kann ich mich allein...“

„Ach, Amatus, das käme mir nicht in den Sinn...“

„Ach nein?“ Ich sprang auf und blickte empört auf den anderen Mann nieder, der sich völlig entspannt im Stroh räkelte. „Nur weil ich noch jung bin und wenig Erfahrung mit Euresgleichen habe, müsst Ihr mich nicht gleich versuchen, mich für dumm zu verkaufen. Meine berechtigten Sorgen mit Eurem Spott zu vergelten, das ist...“

„Ach, Amatus, beruhige dich doch. Ich halte dich keineswegs für dumm. Im Gegenteil, du bist ein ausgesprochen kluger Junge. Ebenso klug wie schön, will ich übrigens meinen - und das ist etwas, das man höchst selten findet...“

„Verwendet Eure Schmeicheleien auf jemanden, der dafür empfänglich ist. Ich bin es nicht!“

„Es stimmt aber doch“, fuhr der Fremde ungerührt fort, „dass du noch nicht viel von der Welt gesehen hast und es dir an Urteilsvermögen mangelt. Du glaubst, alles sei auch so, wie es auf den ersten Blick scheint... Wie solltest du es auch besser wissen, wo du doch kaum etwas anderes kennst als die starren grauen Mauern dieses ach so heiligen Ortes...“

„Mir gefällt es so. Vielleicht will ich ja gar nicht mehr von der Welt kennenlernen...“

„Nein? Warum denn nicht, Amatus? Weil es deine so bequemen, so fest gefügten Ansichten ins Wanken bringen könnte? Weil du erkennen müsstest, dass es mehr gibt, als du dir in deinen kühnsten Träumen vorzustellen wagst? Ach, Amatus, ich könnte dir so viel zeigen... So viele Wunder, so viele Verlockungen. So viele... Sünden.“

Das Gespräch hatte eindeutig eine Wendung eingeschlagen, die mir ganz und gar nicht gefallen wollte.
Die Worte des Fremden sickerten in meinen Verstand wie schleichendes, süßes Gift und ich wusste, ich würde nicht viel länger standhalten können. Doch ich musste, ich durfte mich nicht einlullen lassen von dieser hypnotischen Stimme, dem so verwirrend schönen Gesicht des Anderen, der fast greifbaren Spannung, die zwischen uns in der Luft lag und mich verwirrte bis ins Mark.
Heute weiß ich, es war die Verwirrung der Jugend, die nur zu leicht den Verlockungen der Sünde erliegt, doch damals wusste ich das seltsame Ziehen in meinem Herzen – und in meinen Lenden, wie ich beschämt zugeben muss – nicht zu deuten, das mich erfüllte, während ich den honigsüßen Worten des Fremden lauschte.
Damals glaubte ich, mich wappnen zu müssen gegen die Versuchung und war zugleich enttäuscht, dass es mir nicht in dem Maße gelang, wie ich erwartet hatte. Was der Fremde da von sich gab, hinterließ mehr Eindruck bei mir als mir lieb war…

„Ich bin“, gab ich kund, so fest und klar wie nur möglich und ich vermied es, dem Fremden in die hungrigen schwarzen Augen zu blicken, „ein Mann des Glaubens. Meinem Herrn mit dem wenigen, das ich vermag, dienen zu dürfen, ist mir Wunder genug. Und Eure Sünden - von denen ich Euch gern glauben will, dass Ihr sie alle kennt - die dürft Ihr gern für Euch behalten.“

„Nun gut, mein schöner Junge. Verzeih mir. Wenn das so ist, werde ich dich nicht weiter belästigen.“ Der Fremde schenkte mir ein entschuldigendes Lächeln. „Es ehrt dich, dass du so fest in deinem Glauben bist, wirklich. Aber eine Schande ist es doch, oh ja, wahrlich eine Schande... ein so schöner Knabe wie du sollte an der Welt genesen und nicht hinter Klostermauern verdorren... Willst du nicht mit mir kommen? Wir beide könnten so viel... gemeinsam erleben.“

Du liebe Güte!
Was hatte der Mann bloß im Sinn? Es schien ja fast, als wolle er mich... verführen.
Ja.
Verführen nicht allein dazu, das Klosterleben aufzugeben, oh nein, verführen auch zu weit... unerhörteren Dingen.
Dinge, mit denen ich bisher nicht in Berührung gekommen war, mit denen mir – im Gegensatz zu reiferen Männern, die erst später im Leben ihre Berufung im Glauben gefunden, die oftmals zuvor schon Weib und Kinder gehabt hatten – jegliche Erfahrung fehlte.
Oh, gewiss hatte mir mein Äußeres schon manch begehrlichen Blick der einen oder anderen Jungfer eingebracht; ich galt – wenn ich den halblaut gemurmelten Worten der Weiber, denen ich in der Stadt begegnete, Glauben schenken durfte - als wahrlich gutaussehender Bursche, soviel war selbst zu mir in meiner vergeistigten Unbedarftheit durchgedrungen... doch der Anblick des Habits, das mich als Gottesdiener auswies, hatte doch stets genügt, etwaige im Entstehen begriffene Flammen der Leidenschaft bei den Mädchen schnellstmöglich wieder zu ersticken. Zumindest hatte ich das stets angenommen.

Und dass nun nicht ein Weib mich auf diese Weise ansprach, was noch als einigermaßen natürlich anzusehen war, sondern ein Mann… nein, das war ganz und gar ruchlos und nichts, womit ich umzugehen wusste.
Nun handelte es sich bei meinem Gegenüber natürlich um einen Mann von höchst zweifelhafter Moral - noch immer war ich davon überzeugt, es mit einem vom Gauklervolk zu tun zu haben – doch auch dies zu wissen, bewahrte mich nicht davor, mich ganz merkwürdig zu fühlen...
Etwas stimmte hier nicht, nicht mit dem Fremden und anscheinend auch nicht mit mir selbst...
Ich musste fort von hier, fort aus seiner verderblichen Nähe, so sehr mein Herz auch danach verlangte, bei ihm zu bleiben.
Ich musste mich ihm entziehen und meine Gedanken ordnen.

„Ich bringe Euch etwas zu Essen“, sagte ich abrupt. „Ich nehme an, die da...“  Ich deutete auf die Vögel, die mich ebenso eindringlich anzustarren schienen wie ihr Herr und Meister, „Die versorgen sich selbst?“

„Ja, natürlich. Ich danke dir, mein süßer Junge.“ Der Fremde lächelte maliziös. „Und denkst du, du findest in diesen heiligen Hallen auch etwas zum Anziehen für mich? Wenn ich ehrlich bin, finde ich den Duft meines eigenen Lebenssaftes langsam aber sicher ausgesprochen widerlich...“
Dabei zerrte er an den zerfetzten Überresten seiner Cotte, die völlig steif war von geronnenem Blut.

Ich nickte steif. „Natürlich. Wenn Ihr mit einer unserer Kutten Vorlieb nehmen wollt... könnte ein wenig kurz sein, aber immerhin... sind sie ja schwarz.“

„Oh, das wäre ganz wunderbar. Warum trägst du eigentlich Weiß?“

Darauf verdrehte ich die Augen und erlaubte mir ein kurzes, abfälliges Schnauben, bevor ich darauf antwortete. Das wusste doch nun wirklich jeder, oder?

„Weil ich noch Novize bin. Das bedeutet, dass ich meine endgültigen Gelübde noch nicht abgelegt habe.“

„Ah... die Farbe der Reinheit und der Unschuld, nicht wahr?“

„Allerdings.“

Und dann floh ich wie ein Feigling – nein, wie der Feigling, der ich eben war - , bevor der Fremde  auch dazu noch eine unangemessene Bemerkung machen konnte, hoffend, dass er, wenn ich mit Essen und Kleidung zurückkehrte, das Thema nicht erneut aufgreifen werde.

Und ich hatte tatsächlich Glück. Alles, was er tat, als ich ihm das Gewünschte brachte, war, sich artig zu bedanken und ansonsten stumm zu bleiben.
Zwar hätte ich in der mir eigenen Neugier immer noch gern gesehen, ob die ursprünglich lebensgefährlich scheinenden Wunden, die ich unter der Kleidung vermutete, ebenfalls schon auf dem Wege des Verheilens waren, doch wollte ich dem Fremden keine Gelegenheit geben, mich in noch tiefere Verwirrung zu stürzen und noch ein paar hintersinnige Bemerkungen mehr loszuwerden, weshalb ich nicht lange genug blieb, um mitzubekommen, wie er sich umzog.

Stattdessen begab ich mich nun endgültig auf den Weg zum Morgengebet, zu dem ich gerade noch rechtzeitig kam. Doch auch dieses vermochte nicht, mein wie wild pochendes Herz zu beruhigen.
Dass Vater Hironymus uns aber auch ausgerechnet über einen Absatz aus der Schrift meditieren ließ, der von den Verlockungen des Fleisches handelte, denen wir als demütige Diener des Herren zu widerstehen hätten... Irrte ich, sah ich schon Gespenster, oder behielt der alte Mann mich während der Lesung wirklich besonders scharf im Auge?

Kommentare:

  1. Amaaaaaaaaatus! <3 Armer. :'D

    Dabei hat Corvus sich für seine Verhältnisse doch fast brav verhalten. :D <3

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    1. Late answer is late as usual...

      Wie, armer Amatus... Hey, der Bursche bekommt über kurz oder lang den besten Sex seines Lebens... naja, zumindest... ehm...unvergesslichen...

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  2. Hallo liebes unfug,

    das hat vielleicht gedauert, bis ich dich in den grausigen Tiefen des Netzes wiedergefunden habe, und noch länger, bis ich es geschafft habe, ein Google-Konto zu ertsellen, damit ich mich bei dir melden kann! Ich bin halt noch aus dem Zeitalter vor der Erfindung des Rades.
    Ich fange jetzt mal an, fleißig deine alten und neuen Geschichten (wieder) zu lesen und hoffe, dass die Ersteren auch weitergehen beziehungsweise beendet werden.

    Viele Grüße
    roseta

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    1. Ach, das finde ich ja toll, dass ich dich hier lesen darf!

      Ja, ff.de hat mich endgültig als User verloren (hier schwirrt auch irgendwo ein Posting zu dem Thema herum)...ich meine aber, dieser Blog müsste sogar noch im entsprechenden "Blogger"-Thread auftauchen...?.

      Ach, wenn ich mich recht erinnere, bin ich ja auch nicht so viel jünger als du und ganz ehrlich - mich überfordert vieles im Netz auch mächtig. Ich meine, ich hätte diesen Blog schon gehabt, bevor man ein Google-Konto brauchte und war entsprechend verdutzt, als man mich nach dem entsprechenden Passwort dafür fragte (Frei nach dem Motto "Wie, ich hab sowas? Warum sagt mir das denn keiner?")

      Leider habe ich fast alle Geschichten bei einem Crash der externen Festplatte verloren, was einerseits sehr ärgerlich, andererseits aber auch wieder nicht SO schlimm ist, weil ich das meiste eh mächtig überarbeiten will (und vieles ist zum Glück noch handschriftlich vorhanden).
      Worum es mir wirklich leidtut, ist "The Haunting...", weil das schons ehr weit fortgeschritten war und quasi nur noch ein oder zwei Kapitel fehlten. Aber auch da hatte ich das meiste vorgeschrieben - mal sehen, was sich retten lässt...

      Ganz liebe Grüße und nochmal: Schön, dass du hier bist!

      Alex

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