Freitag, 8. Januar 2016

Rabenballade - Präludium, 1. und 2. Kapitel

(Anmerkung des unfugs der Autorin: Diese Geschichte entstammte ursprünglich dem "Charaktertauschbörse"-Projekt auf FF.de. Die Userin "Maria Conrad" offerierte einen jungen, bisexuellen und reichlich naiv-ängstlichen Mönch, den das unfug die Autorin als recht geeignetes "Opfer" der verqueren Spielereien eines gewissen, der geneigten Leserschaft nicht ganz unbekannten finsteren Typen empfand und sich gleich krallte. Leider scheinen beide Personen nicht mehr im entsprechenden Archiv aktiv zu sein, allerdings ließ die (Leidens)Geschichte des Mönchleins das unfug die Autorin nicht mehr los, weshalb sie diese ein wenig  gewaltig umschrieb und sie nun an dieser Stelle der Leserschaft zugänglich machen möchte. Man wird sehen, wohin das führt...)


***


Rabenballade


Auf einem Baum drei Raben stolz
Die war'n so schwarz wie Ebenholz
So schwarz wie eben deine Seel'
Und davon ich euch jetzt erzähl...





Praeludium
 
Ich schreibe dies in dem Bewusstsein nieder, dass ich nicht mehr allzu lange dazu in der Lage sein werde.
Mit jedem Tag, der verstreicht, spüre ich die Gebrechen des Alters mit immer stärkerer Macht- längst schwindet mein Augenlicht in einer Weise, die es mir schwer werden lässt, die Wörter der von mir stets geliebten Bücher zu entziffern und die Winterkälte trifft mich bis ins Mark, lässt die Finger steif und ungelenk werden.
Ich kann mich nicht entsinnen, dass mir in meiner Jugend je kalt gewesen wäre.
Heute friert mich beinahe ständig.
Es kann nicht mehr lang dauern, bis der Herr sich entschließt, mich zu sich zu rufen, und so muss ich mich sputen, dies her niederzuschreiben, so lange ich die Schrift noch erkennen und meine Hand die Feder noch führen kann.
Ich hoffe, dass der Herr, wenn meine Zeit gekommen ist, gnädig mit mir verfährt und Milde über meine arme Sünderseele walten lässt, war es doch eben jene Episode in meinem Leben, die mich zweifeln ließ. Zweifeln ließ an meiner Berufung und zweifeln gar daran, dass Er der Eine ist und der Einzige. Denn für eine Weile war ich ein Ketzer und ein Sünder – ein Sünder der schlimmsten Art, die man erdenken kann.
Ich vermag nicht zu ahnen, ob die Bußen, die ich mir auferlegte, mich von dieser Sünde loszusprechen vermögen, weiß nicht, ob meine Seele noch gerettet werden kann.
Denn eines ist mir klargeworden im Laufe der Jahreszeiten - und ich kann nur beten und hoffen, dass der Herr in seiner unendlichen Güte mir diesen Frevel verzeihen mag – es gibt vieles, das getan zu haben ich zutiefst bereue. Ja, ich bereue beinahe alles, was damals geschehen ist, alles, wozu ich habe hinreißen lassen... bis auf eines, bis auf diese eine, diese stumme Sünde. Sie wiegt ebenso schwer, wenn nicht gar schwerer als der Zweifel, der unweigerlich zum zeitweiligen Verlust meines Glaubens führte.
Ich wage auch nicht zu vermuten, dass die Jugend und Gutgläubigkeit, die mir zu Eigen waren, als es geschah, diese Sünde zu entschuldigen vermögen oder auch nur zu erklären. Ich denke, ich hätte es besser wissen müssen, ich hätte stärker sein müssen im Glauben und trotz meiner jugendlichen Unwissenheit in der Lage zu widerstehen.
Doch ich widerstand nicht. Mein Glaube war zu klein und die Verlockungen waren zu stark als dass ich hätte standhaft bleiben können, damals, in jenem Winter vor nunmehr über siebzig Jahren.
Damals, als die Sünde auf schwarzen Schwingen zu mir kam und mich für sich einnahm.
Ich bereue vieles, doch nicht dieses...


I.

Meine Kindheit und Jugend waren geprägt von der stillen Gleichförmigkeit des klösterlichen Lebens. Ein Tag verlief wie der andere in Gebet und Arbeit und Andacht, ein ewiger Kreislauf im Dienst an Gott und den Menschen, denen gegenüber wir in Nächstenliebe handelten.
Ich war eine Klosterwaise, ausgesetzt als winziges, kränkliches Wickelkind auf den Stufen zur Klosterpforte und gefunden von den Mönchen am Gedenktag des heiligen Amatus, weshalb dies auch mein Name werden sollte. Amatus bedeutet „Der Geliebte“ und geliebt fühlte ich mich tatsächlich stets in der Gesellschaft der Brüder und ganz besonders der meines Ziehvaters Hironymus, der mich gleich unter seine Fittiche nahm. Zum nicht geringen Erstaunen seiner Mitbrüder, wie er mir Jahre später verriet, denn Hironymus hatte seine Berufung erst spät gefunden, nachdem er zuvor ein recht bewegtes und sogar kriegerisches Leben geführt hatte. Ein bezahlter Streiter war er gewesen und hatte viele Dinge getan, derer er sich später nur mehr zu schämen vermochte. Möglich, dass er sich in der Hauptsache deswegen meiner annahm, weil er glaubte, an mir etwas gutmachen zu müssen... es war mir gleichgültig. 
Er liebte mich, wie ein echter Vater mich nicht mehr hätte lieben können, er war gut zu mir und lehrte mich alles, das zu lehren er in der Lage war. Er war klug und weise auf seine Art, er strahlte eine stille Autorität aus, der ich mich gern fügte, weil ich wusste, dass alles, was er mir sagte, zu meinem Besten war.
Ich stand ihm mit unverbrüchlicher Liebe und Ehrfurcht zur Seite und an dem Tag, da er zum Abt unserer Gemeinschaft berufen wurde, wollte ich schier vor Stolz und Freude platzen. Dafür schalt er mich, weil Stolz einem guten Christenmenschen nicht anstand, doch er wusste wohl, dass er ein Kind vor sich hatte, einen kleinen Jungen, der von derlei Verfehlungen noch nichts verstand und so fiel seine Strafpredigt milde aus.
Mir gefiel das Leben im Kloster, was leicht daher gesagt ist, zumal mir ja jeglicher Vergleich mit anderen Lebensweisen fehlte.
Doch ich bin sicher, es hätte mir auch gefallen, hätte ich meine Familie gekannt. Sicher waren sie furchtbar arm gewesen, wenn sie sich gezwungen sahen, mich fort zu geben; sicher fürchteten sie, mich nicht ernähren zu können. Ich dachte nicht oft an sie, nur ganz selten, wenn ich im Dorf zugange war, hielt ich Ausschau nach Erwachsenen oder anderen Kindern, die mir vielleicht glichen, versuchte Ähnlichkeiten zu finden in der Form der Augen oder des Mundes oder der Art, wie ich mich bewegte oder sprach. Ich fand das eine oder andere Merkmal, von dem ich mir nicht sicher sein konnte, doch nie genug Ähnlichkeiten um sicher sein zu können. Vermutlich hatte ich schlicht keine Verwandtschaft, vielleicht waren meine Eltern auf der Durchreise gewesen...
Mit den Jahren machte ich mir immer weniger Gedanken darüber. 

Meine Familie waren die Brüder, meine Heimat das Kloster.

Im Sommer arbeiteten wir, wenn wir nicht in der Klosterschule saßen, in den Weinbergen und auf den Feldern, versorgten die munteren Ziegen und Bruder Titus‘ geschäftig summende Bienenstöcke. Ich sage wir, denn ich war beileibe nicht der Einzige, der als Waise Aufnahme gefunden hatte.
Stets waren wir fünf oder sechs Jungen und wann immer einer ging, um ein Handwerk zu lernen oder ein Mädchen zu freien, kam schon bald wieder einer hinzu.
Allerdings war ich nicht der einzige, der bleiben sollte, auch bei den Brüdern Carolus und Darius handelte es sich um ehemalige Klosterwaisen, die hier ihre Berufung gefunden hatten, doch sie waren um einige Jahre älter als ich und wir hatten wenig gemein.
Für mich kam nichts anderes infrage, als zu bleiben und mein Leben ganz in den Dienst des Herrn zu stellen – zum einen war ich, wie ich glaubte, stark im Glauben verhaftet, zum anderen dachte ich, dass es nirgendwo sonst für mich die Möglichkeit gab, mich mit dem zu umgeben, was ich beinahe noch mehr liebte als Weinberge und Gebete zu Ehren Gottes, nämlich Bücher und das in ihnen enthaltene Wissen.
Wir – die Klosterwaisen und einige vielversprechende Jungen aus dem Dorf (ich hatte nichts gegen sie, doch nie wurden wir auch nur annähernd so etwas wie Freunde, dazu kamen wir aus viel zu verschiedenen Welten, war die Kluft, die uns trennte, zu tief) – wurden von Bruder Cyprian unterrichtet. Lesen, Schreiben, die hohe Kunst der Mathematik und natürlich Unterweisungen im Glauben standen auf unserem Lehrplan. Sobald ich vermochte, die Buchstaben sinnvoll zu Wörtern aneinander zu reihen, vertiefte ich mich, wann immer meine Zeit es zuließ, in die aus heutiger Sicht eher kleine Bibliothek unseres Klosters. Obschon von eher geringem Umfang, was die Anzahl der enthaltenen Werke betraf, war sie wohlgeordnet und enthielt aus meinem kindlichen Blickwinkel alles Wissen, das in der Welt war. Es waren einige besonders schöne Bände darunter, geschmückt mit farbenfrohen Illustrationen von fremdartigen Tieren und in unseren Breitengraden unbekannten Pflanzen, Geschenke aus Klöstern von fernen, uns jedoch in Freundschaft verbundenen Klöstern, kopiert und gemalt von den dort lebenden Brüdern. Meine Mitschüler sprachen oft davon, wie gern sie in diese fremden Länder reisen und dort große Abenteuer erleben würden.
Ich nicht.
Mir genügten die Bilder. 
Mir genügte die Bibliothek als Rückzugsort und als Trost, wenn ich glaubte, das Leben meinte es hart mit mir.
Das Kloster, die dazu gehörenden Ländereien und die kleine Stadt auf der anderen Seite des Waldes waren mir Welt genug.

Dieser Wald, der Stadt und Kloster voneinander trennte... ich mochte ihn nicht. 
Die Bäume ragten so hoch hinauf, dass man kaum den Himmel sehen konnte, selbst wenn man den Kopf ganz weit in den Nacken legte. 
Auch am heißesten, hellsten Sommertag war es dort drin kalt und düster. 
Gerüchte gingen um von wilden, bösartigen Tieren und von allerlei Gesindel, das im Wald sein Unwesen trieb, von Mordgesellen und teuflischen Geistern, von Hexen und allerlei anderem Unheimlichen, das guten Grund hatte, Gottes helles Sonnenlicht zu scheuen.
Dank dieser Geschichten gingen wir Jungen niemals in den Wald und spielten dort nicht, auch nahmen wir lieber den Umweg über die breite Straße in Kauf, wann immer wir in der Stadt zu tun hatten. Die Stadtjungen hielten es gleich, wenn sie zu uns kamen.
Irgendwann erfuhr ich, dass es sehr wohl Pfade durch den Wald gab und dass die älteren Brüder diese durchaus benutzten und ich wäre fast geneigt zu glauben, man hätte uns die Schauergeschichten nur erzählt, damit wir und nicht in dem undurchdringlichen Waldesdunkel verliefen und zu Schaden kamen, wenn nicht... wenn nicht ausgerechnet in diesem Wald meine Begegnung mit der Sünde ihren Anfang genommen hätte.



II

Es war im Winter und es dämmerte bereits zum Abend. 
Mein Namenstag hatte sich vor kurzem erst  zum siebzehnten Male gejährt und ich glaubte schon lange nicht mehr an Geister und Hexen. Wie hätten solche Wesen der Dunkelheit auch vor dem hellen Antlitz des Herrn bestehen können, einem Herrn, der selbst die Legionen der Hölle immer wieder in ihre Schranken zu weisen vermochte...
Allein der Existenz wilder Tiere und lichtscheuen Gesindels menschlicher Art war ich mir doch recht gewiss. Wirklich gern mochte ich den Wald noch immer nicht queren, doch heute würde mir nichts anderes übrig bleibe, wollte ich noch zum Abendgebet wieder zuhause sein. Die Straße zu nehmen würde zu lange dauern und erst gestern am Morgen hatte ich mir eine Strafpredigt von Vater Hironymus eingehandelt, weil ich etwas in seinen Augen sehr wichtiges vergessen hatte.

Ich hegte keinerlei Verlangen danach, ihn erneut zu enttäuschen, also schulterte ich den schweren Korb, in dem sich die in der Stadt eingetauschten Waren befanden.
 Was wir selbst herstellten – in der Hauptsache Honig, Ziegenkäse und ein ganz hervorragender Trester – brachten wir stets in die Stadt und erhielten dafür die wenigen Dinge, die zu produzieren wir selbst nicht in der Lage waren. Einer unserer Abnehmer war der Wirt einer kleine, aber umso gemütlicheren Schenke, die in dem Ruf stand, das beste Bier und die köstlichsten Mahlzeiten in der Stadt anzubieten. 
Wann immer ich unsere Waren lieferte, lud der Wirt mich zu einem Essen ein, und tatsächlich war es stets ausnehmend gut gewesen. Wer also mag es einem stets hungrigen Burschen – sei er nun auf dem Weg dazu, ein Mönch zu werden oder nicht – verübeln, dass er sich immer freudig bereit erklärte, den Weg auf sich zu nehmen. 
Gern gebe ich zu, dass ich gutem Essen und Bier niemals abgeneigt und die Askese in dieser Hinsicht meine Sache nicht war. Eine Sünde, fürwahr, doch eine lässliche, zumal verglichen mit derjenigen, die zu begehen ich im Begriff war... doch ich will nicht vorgreifen.

Über meine Einkehr in jenem Hort der Gastlichkeit war es später geworden als gedacht und so blieb mir nun nichts anderes übrig als der Weg durch den viel weniger gastlichen und ungeliebten Forst. Es würde mir schon nichts geschehen und selbst wenn jemand auf den Gedanken kam, einen unbewaffneten und an seinem Habit recht gut als solchen zu erkennenden Novizen anzugreifen... nun, es war bisher nie nötig gewesen und im Grunde meines Herzens verabscheute ich Gewalt wie jeder gute Christenmensch, doch dank Vater Hironymus' allumfassender Ausbildung würde ich mich wohl zu wehren wissen. Zusätzliche Sicherheit gaben mir der robuste Stock in meiner Hand, der sich auch hervorragend als Wanderstab eignete, sowie die Tatsache, dass ich inzwischen für mein Alter doch recht groß gewachsen war und trotz meiner eher schlanken Statur über ein gerüttelt Maß an Körperkraft verfügte.

Im wahrsten Sinne gottergeben betrat ich den Wald.

Ich ging schnell- um mich warmzuhalten einerseits, zum anderen damit ich den vor mir liegenden Heimweg schnellstmöglich hinter mich bringen konnte. Nein, diese Umgebung, so musste ich mir eingestehen, behagte mir noch immer nicht und würde es auch nie. Es wurde nun schnell dunkler, trotzdem die Bäume schon lange kahl waren, und bald würde ich den steinhart gefrorenen Trampelpfad unter meinen Füßen kaum mehr erkennen können. Und still war es, viel zu still, kaum dass eines der toten Blätter einmal raschelte, die der Wind zu großen Haufen zusammen geweht hatte. 
Die üblichen tierischen Laute, welche sonst selbst im tiefsten Winter zu vernehmen waren, fehlten gänzlich. Kein Vogel gab einen Ton von sich, keine Maus raschelte im Laub. Es schien, als hielte die Welt selbst den Atem an und wartete. 
Doch worauf? 
Was war im Begriff zu geschehen, das alles Leben um mich herum verstummen ließ auf eine Weise, die auch mich ergriff und mir die Haare im Nacken zu Berge stehen ließ?

Ich erfuhr es nur zu bald und ich wünsche bis heute, ich hätte diese Erfahrung nicht machen müssen – wie viel wäre mir erspart geblieben… 
Vielleicht erspart geblieben, denn bis heute weiß ich nicht sicher, ob das, was ich dort auf dem Waldpfad zu hören bekam, im direkten Zusammenhang stand mit allem, was hernach geschehen sollte. Vermutlich war es so und sogar mehr als wahrscheinlich, doch es wäre müßig, heute noch darüber zu spekulieren, denn was geschehen ist, ist nun einmal geschehen und nichts davon lässt sich je wieder rückgängig machen. 
Die Zeit geht ihren Gang und mit ihr das Leben und sie beide lassen sich nicht betrügen, nicht zurückdrehen… 
Und so nahm mein Schicksal an diesem Winterabend in diesem viel zu dunklen und viel zu stillen Wald seinen Lauf.

Während ich, diese ungute Vorahnung im Herzen und plötzlichen Angstschweiß auf der Stirne, hastig meinen Weg fortsetzte, den Blick fest zu Boden geheftet, um nicht Opfer einer Unebenheit des Bodens zu werden, zerriss mit einem Male ein grauenhaftes Geheul die Stille, ein Geheule, das klang, als dringe es aus den tiefsten Schlünden der Hölle zu mir herauf. 
Es schien gleichsam von überall her zu kommen, es war mir – nun in heller Panik und unfähig einen klaren Gedanken zu fassen - völlig unmöglich, festzustellen, ob ich davon fort- oder darauf zulief. Nur fort wollte, fort von diesem unirdischen Wehklagen und dem, was es verursacht haben mochte. Heute denke ich, es wird ein Tier gewesen sein, am wahrscheinlichsten ein Wolf, doch damals schien es mir, als käme es vom Teufel persönlich. Und als sei das nicht genug des Schreckens, erhob sich dazu ein wütendes Krächzen und Kreischen, ganz ähnlich dem, das man hören kann, wenn ein Kind mit Steinen nach einer Schar Krähen wirft, nur unendlich viel lauter. 
Diese Krähen mussten von der Größe eines Menschen sein, um solche Laute von sich zu geben. Das Krachen und Bersten von Holz, als ob gigantische Bäume aus dem Boden gerissen würden, vervollständigten die ohrenbetäubende Kakophonie und ich rannte buchstäblich um mein Leben. Bestien waren es, die da in meiner Nähe einen Kampf auf Leben und Tod ausfochten, Bestien, die ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorzustellen wagte und die ganz gewiss nichts, aber auch gar nichts auch nur entfernt Menschliches an sich hatten. 
In meiner wahnwitzigen Flucht kam ich vom Weg ab, verirrte mich und lief im Kreis, tiefhängende Zweige peitschten mir ins Gesicht und mehr als einmal drohte ich zu stürzen, während der schwere Korb auf meinem Rücken schmerzhaft auf und ab sprang, der Inhalt heftig aneinander klirrte. 
Bis heute nimmt mich wunder, dass kein einziges der Gefäße Schaden nahm…

Und während all dem tat ich das einzige, das meinem verschreckten Geist noch einfallen wollte- ich betete. 
Betete zu Gott, er möge mir ein Zeichen senden, mich erretten aus diesem Wahnsinn und wenn schon nicht meinen Leib, so doch wenigstens meine unsterbliche Seele…und tatsächlich muss der Herr mein Flehen erhört haben, denn so plötzlich, wie er aufgekommen war, brach der höllische Lärm ab und um mich war nur mehr Stille. 
Und nicht nur das – nur wenige Schritte vor mir erblickte ich den Waldrand. Sobald ich diese Grenze erreicht hatte, war ich in Sicherheit, würde mir das, was hinter mir lag, nichts mehr anhaben können, egal, aus welchen Höllenschlünden es gekrochen sein mochte. 

Als ich endlich die Baumgrenze erreichte, stellte ich erleichtert und verwirrt zugleich fest, dass es hier draußen noch gar nicht so dunkel war, wie ich gedacht hatte. Tatsächlich herrschte noch ausreichend, wenn auch dämmriges Licht, dass ich den Rest meines Weges, der zwischen zwei großen, jetzt im Winter brachliegenden Feldern hindurch führte, sicheren Schrittes würde bewältigen können. 
Das war entschieden merkwürdig – als ob der Waldesrand eine Grenze zwischen Tag und Nacht darstellte. Ich konnte mich nicht erinnern, je von dieser Erscheinung gehört zu haben und beschloss, nun wieder einigermaßen Herr meiner Sinne, den Vater Abt nach all diesen Seltsamkeiten zu befragen. Gewiss würde es ihm, reich an Wissen, wie er war, gelingen, meine Verwirrung und Furcht zu zerstreuen – womöglich hatte ich mir die Dunkelheit im Wald in ihrer Tiefe ja auch nur eingebildet, vielleicht war ich überreizt nach einem langen Tag und so war es meinem Geist ein leichtes, mir solche Trugbilder vorzugaukeln. 
Ja, es würde sich gewiss eine rationale Erklärung finden lassen. 
Und selbst wenn es doch Dämonen der Hölle gewesen waren, die sich einen bösen Scherz mit mir erlaubt und versucht hatten, mich vom rechten Wege abzubringen – war nicht die Tatsache, dass ihre Stimmen verklingen mussten, als ich betete, der Beweis dafür, dass sie vor Gott keinen Bestand haben konnten, dass sie sich seiner Macht beugen mussten? 
Wenn der Herr doch den ärmsten seiner Diener so wohlwollend aus ihren Klauen befreite…

Voll von solch erbaulichen Gedanken und mit plötzlicher Leichtigkeit in Herz und Fuß strebte ich dem Kloster entgegen, das am Ende des Feldweges auf mich wartete, mich willkommen zu heißen schien wie einen lang verlorenen Sohn. 
Nur noch wenige Schritte – im Vergleich zu der Strecke, die ich bereits zurückgelegt hatte, eingedenk derer, die ich in jenem verfluchten Wald umhergeirrt war – und ich wäre endlich zuhause. Später kam ich nicht umhin, darüber nachzudenken, wie merkwürdig es war, dass meine Stimmung so schnell gewechselt hatte, wie rasch Furcht und Beklemmung von mir abgefallen waren…es mag mein kindliches Gottvertrauen gewesen sein, es mag andere Ursachen gehabt haben. 
Damals war ich einfach froh darüber.

Tief in meine Gedanken versunken bemerkte ich ihn erst, als ich schon fast an ich vorüber gegangen war – auf den ersten, flüchtigen Blick hätte man ihn für ein Bündel Lumpen halten können, das jemand fortgeworfen hatte. 
Er lag zusammengekrümmt am Feldrain und ich war sogleich überzeugt, dass er tot sein musste. Dafür sprach die Unmenge an Blut, eine wahre Pfütze, das im gefrorenen Boden nicht hatte versickern können. 
Der hier vor mir lag, musste sich schwer verletzt bis her geschleppt haben, vielleicht hatte er sogar im Kloster um Hilfe bitten wollen, denn dies war das einzige Gebäude in Sichtweite, und hatte es doch nicht mehr vermocht. 
Wie schrecklich, sein Ende so zu finden, ganz allein, auf einem kahlen Acker, die vermeintliche Rettung so nah und doch unerreichbar... 
Mein Herz wurde mir schwer vor Trauer um diese arme Seele und ich sprach ein schnelles Gebet für sie. Ich würde Hilfe holen müssen, die Brüder würden sich des Leichnams annehmen, versuchen, seine Familie ausfindig zu machen und im Falle, dass dies nicht möglich war, für ein würdiges Begräbnis sorgen. Ich konnte nicht sehen, ob es jemand war, den ich kannte, er lag mit dem Gesicht von mir abgewandt – ich gebe zu, ich scheute mich davor, den Toten zu berühren, um ihn umzudrehen – und der Körper wurde gänzlich verdeckt von dem langen, schweren und dunklen Mantel, den er trug. Der Zustand der Kleidung jedoch, abgerissen und zerlumpt, ließ auf einen Landstreicher schließen, auf jemanden, der schon lange draußen unterwegs war…
Eine unerwartete Bewegung ließ mich aus meinen Überlegungen aufschrecken. 
Ein Rabe, wo auch immer dieser auf einmal hergekommen sein mochte, schlug mit den Flügeln, ließ ein heiseres Krächzen ertönen und hüpfte um den Toten herum. Direkt darauf erschien wie aus dem Nichts ein zweiter – ich bemerkte, dass jener einen Flügel nachzog – und kletterte auf den Rücken den Toten. 
Ohne sich an meiner Gegenwart auch nur im Geringsten zu stören, begannen die beiden Vögel, an den Kleidern zu picken, am Haar des Toten zu zupfen und gaben dabei unentwegt ihre scheußlichen Laute von sich. Ich musste eine Möglichkeit finden, sie zu vertreiben und bückte mich gerade nach einem Stein – mir behagte der Gedanke nicht, nach einem Toten zu werfen, doch noch viel widerlicher fand ich die Vorstellung, dass diese Biester sich an dem Toten gütlich zu tun begannen, während ich danebenstand – als der vermeintliche Leichnam sich mit einem Male zu regen begann.

Er zog die Arme an den Körper und stemmte sich schwerfällig hoch, bis er sich schließlich in einer knienden Position befand. Was dann geschah, ließ meinen Atem stocken – statt zu versuchen, die beiden Aasfresser zu verscheuchen, wie ich es vorgehabt hatte, streckte der Mann die bleichen Hände nach ihnen aus und als sie näher herangekommen waren, ergriff er die Vögel und zog sie geradezu liebevoll an sich. Er sprach sogar mit ihnen – zu leise zwar, als dass ich hätte verstehen könne, was er sagte, doch es klang ausgesprochen zärtlich. Ich habe Kinder an Kätzchen oder Hundewelpen so handeln sehen, doch das hier dünkte mich einfach falsch. Und nicht allein ließen die Teufelsvögel es sich gefallen, so geherzt zu werden, sie kollerten gar beglückt und schmiegten sich wie schutzsuchend an ihn. 
Ich konnte mir einfach keinen Reim darauf machen und entschied mich stattdessen dafür, die Aufmerksamkeit des Fremden – denn ein Fremder war es, wie ich feststellte, ein solches Gesicht wie das seine wäre mir nicht entfallen, hätte ich es je zuvor in meinem Leben erblickt – auf mich zu lenken. 
Bisher schien er nicht einmal bemerkt zu haben, dass er nicht allein war.
„Ich hielt Euch für tot“, war das Erstbeste, das mir einfiel. 
Der Kopf des Mannes zuckte hoch und er sah mir direkt in die Augen. Die seinen waren, so erkannte ich trotz des Dämmerlichtes, schwarz und ihr Blick traf mich wie ein Blitz.

„Was willst du, Junge?“, fragte er abweisend und ich musste unwillkürlich daran denken, dass er klang wie seine Raben. Seine Stimme war tief, rau und sie klang, als gehörte sie zu einem viel älteren Mann, dabei konnte er kaum fünf Jahre älter sein als ich. 
Er hatte ein schmales, scharf geschnittenes Gesicht, das wahrhaft schön gewesen wäre, hätten es nicht tiefe, blutende Male entstellt, von denen einige so nahe dem linken Auge verliefen, dass es einem Wunder gleichkam, dass er es nicht verloren hatte. Weitere Wunden konnte ich zunächst nicht feststellen, doch es musste solche geben; von den Krallenspuren im Gesicht allein konnte all das Blut auf dem Boden unmöglich herrühren. Angesichts dessen, dass er unsägliche Schmerzen leiden musste, nahm ich ihm den barschen Ton, in dem er mich angefahren hatte, nicht allzu übel.

„Ihr… Ihr braucht Hilfe. Wenn Ihr hier bleibt, werdet Ihr die Nacht nicht überleben“, erklärte ich schlicht. Es war wohl das Beste, jetzt keine großen Reden zu schwingen. „Ich bin vom Kloster dort vorne. Wenn Ihr aufstehen könnt, will ich Euch dort hinbringen. Man kann Euch dort sicher helfen.“

Tatsächlich entspannten sich seine Züge ein wenig und als er erneut das Wort an mich richtete, klang es gleich viel weniger unfreundlich.

„Ist das so, Junge… Du willst mir helfen?“
 Beinahe amüsiert, als sei er sich seiner Lage gar nicht bewusst und machte sich sogar noch über mich lustig. 

Was für ein seltsamer Mensch, doch vermutlich war es nur die drohende Nähe des Todes, die ihn so reagieren ließ. Ich habe im Laufe meines Lebens Menschen die seltsamsten Dinge sagen gehört und tun sehen, wenn es auf das Ende zuging…
„Wir verstehen dort einiges von der Heilkunst“, zwang ich mich geduldig fortzufahren. „Wenn es Euch möglich ist, den Weg dorthin zu bewältigen… es ist nicht mehr weit…“
Ich hoffte, dass er es schaffte – bis ich ein paar kräftige Brüder mit einer Krankentrage geholt hätte, war er womöglich verstorben. Andererseits bestand natürlich auch die Gefahr, dass er, selbst wenn er von alleine hochkam, er mir auf dem kurzen Stück Weg einfach umfiel. Er war weiß wie eine frisch gekälkte Wand und seine dunklen Augen glänzten wie im Fieber… 
Doch was blieb mir übrig? 
Ich konnte ihn ja schlecht hier auf dem Acker verrecken lassen. Auch für den merkwürdigsten Menschen – und merkwürdig war er, so viel stand fest; noch immer drückte er die Raben an sich wie eine Mutter ihre geliebten Kinder und die Art, wie er mich ansah, machte, dass ich mich schrecklich unbehaglich fühlte – galt doch das Gebot der Nächstenliebe, dem zu folgen sich unser Orden von Beginn an verschrieben hatte.

„Ein Mönchlein, also, habt ihr das gehört? Wie allerliebst…Nun, dann wollen wir doch sehen, was die frommen Brüder für unsereins tun können. Ein Ort, an dem ich mich ein wenig erholen kann, wäre in der Tat nicht das Schlechteste.“

Ich dachte, dass es mit ein wenig Erholung nun wirklich nicht getan war, bat den Herrn wortlos um Geduld und sah einigermaßen erstaunt zu, wie die beiden Raben, als ob sie einem stummen Befehl gehorchten, dem Mann auf die Schultern kletterten. Er selbst stemmte sich nun mit nicht unbeträchtlicher Mühe und schmerzverzerrter Miene hoch, bis er schließlich auf den Füßen stand. Unsicher und wackelig zwar, doch immerhin… 
Mein Vorschlag, ihm behilflich zu sein, wurde ebenso barsch abgewiesen wie das Angebot, ihn beim Gehen zu stützen- worüber ich jedoch nicht ganz unfroh war, zumal mir der schwere Korb inzwischen doch arg ins Kreuz drückte. 

Wir kamen nur sehr langsam voran, jeder Schritt schien dem Fremden nur mehr Schmerzen zu verursachen, er hinkte stark und presste beständig die Hand auf die linke Seite – vermutlich eine weitere Wunde und der Grund für den Blutverlust – und bald befürchtete ich, er wolle tatsächlich den letzten Rest Leben aushauchen und zu meinen Füßen zusammenbrechen, noch bevor wir die Pforte erreicht hatten. Um uns beide ein wenig abzulenken, versuchte ich, ihn in ein Gespräch zu verwickeln.

„Was ist Euch geschehen? Hat Euch ein Tier angefallen?“

„Hm…“

„War es ein Wolf? Es gibt Wölfe in der Gegend, wisst Ihr, und sie können recht dreist werden im Winter, wenn sie ausgehungert sind…“

Er warf mir einen schrägen Blick zu und ließ einen Laut vernehmen, der wohl ein Lachen darstellen sollte. Als hätte ich gerade einen Scherz gemacht.
„Ja… ein Wolf, in der Tat. Aber keine Angst, Mönchlein, der ist…fort.“

„Ich habe keine Angst“, erwiderte ich, nun selbst ein wenig unwirsch. Was nur die halbe Wahrheit war- für gewöhnlich war ich nicht besonders furchtsam, doch vorhin, im Wald, hatte mich helle Panik ergriffen und auch jetzt… besonders wohl war mir in der Gesellschaft des Fremden nicht eben. Trotz seines schlimmen Zustandes war etwas an ihm, das ich kaum anders als lauernd beschreiben konnte. Fast erinnerte er selbst an ein großes Raubtier. Doch andererseits, was sollte er mir schon antun können, er war schwach und verletzt und ich war ein junger Bursche im Vollbesitz seiner Kräfte.
Eine Weile, die mir unendlich lang vorkam, herrschte Schweigen zwischen uns, eine unangenehme Stille, und so setzte ich erneut an: „Eure Raben… dass sie sich so von Euch tragen lassen… sie müssen sehr zahm sein.“

Wieder erklang der belustigte Laut, gefolgt von einem wie Zustimmung wirkenden Krächzen der beiden Vögel.
„Zahm? Oh nein, Mönchlein, sie sind alles andere als das. Sie gehorchen keinem Menschen…“

„Oh. Hm… ich hätte ja gern ein zahmes Tier. Ein Wiesel am liebsten, wie mein Namenspatron eines gehabt haben soll der Legende nach. Es heißt, er soll allen Tieren sehr zugetan gewesen sein, fast wie der heilige Franziskus, doch das liebste von allen war ihm das Wiesel.“

Dafür hatte der Fremde nur ein abfälliges Schnauben übrig.
„Pah…widerliche kleine Nesträuber sind das, nicht mehr.“

„Immerhin picken sie nicht den Gehängten am Galgen die Augen aus und hacken die neugeborenen Lämmer zu Tode“, verteidigte ich meine Lieblinge, vielleicht ein wenig schärfer als beabsichtigt.

„Stimmt zum Teil, Mönchlein – der Rabe ist ein äußerst nützlicher Vogel, das allemal. Wer sonst außer den Aasfressern kümmert sich denn darum, den Dreck wegzumachen, den eure sogenannte weltliche Gerechtigkeit so hinterlässt, he? Und was deine Lämmchen angeht, Mönchlein, die sind für gewöhnlich schon tot, wenn sich die Krähe darauf setzt. Aber sag, wer ist denn dein Namenspatron?“

„Was?“

„Nach welchem eurer sogenannten Heiligen du benannt bist. Ich kenne mich mit denen nicht so aus…“

„Amatus.“ Natürlich ging ich nicht davon aus, dass der Fremde damit etwas anzufangen wusste. Doch weit gefehlt.

„Der Geliebte. Na, wenn das mal nicht entzückend ist…“

Das erstaunte mich. 
Ich hätte nicht vermutet, dass er des Lateinischen auch nur ansatzweise mächtig wäre. Seine Sprache war die der ungebildeten Leute von der Straße, die der Bettler und Landstreicher, des Fahrenden Volkes. Möglicherweise ein fahrender Gaukler oder Spielmann, allerdings hatte ich die wenigen, denen ich in meinem Leben hatte zusehen dürfen, weitaus bunter in Erinnerung. Doch dass sie allesamt gottlos und bar jeder Moral waren, so viel hatte ich gelernt und ich fühlte mich stets gleichermaßen fasziniert wie auch abgestoßen von dem Gedanken daran, wie man ein solche zügelloses Leben außerhalb jeglicher Gesellschaftsordnung nur führen konnte. Der Fremde hatte, wie ich mir eingestehen musste, dieselbe beunruhigende Wirkung auf mich und ich war froh, nicht weiter darüber nachsinnen zu müssen, denn just in diesem Moment erreichten wir endlich die kleine Nebenpforte, die auch des Nachts offen war. 
Der Bruder Pförtner war gerade nicht an seinem Platz, also erlaubte ich mir, unseren seltsamen Gast selbst hinein zu führen, brachte ihn in den Kreuzgang und hieß ihn, einen Augenblick zu warten, dass ich den Vater Abt holen konnte. Er nickte nur, schloss die Augen und ließ sich an einer der Säulen hinab zu Boden gleiten, merklich zu Tode erschöpft. Immerhin, so bemerkte ich, bevor ich loslief, schien er kein weiteres Blut zu verlieren, lediglich dort, wo er gegangen war, hatte der lange Mantel schwache rote Schleifspuren hinterlassen. Meinen Rückenkorb hatte ich von den Schultern gleiten lassen und achtlos in eine Ecke gestellt, darum mochten sich andere kümmern. 
Ich hatte, so Gott mir helfe, ein Leben zu retten.

Ich fand ihn in der Kapelle, tief ins Gebet versunken und allein. 
Natürlich hatte ich über den Geschehnissen die Abendandacht verpasst und ganz kurz sah er unwirsch drein, als ich ihn atemlos und eindringlich anrief. Doch er wusste, ich würde niemals wagen, ihn in seiner Kontemplation zu stören, wenn nicht etwas wirklich Wichtiges anlag. 
Sobald er sich auf meine hastig hervorgestoßenen Worte, mit denen ich ihm die die Lage zu erklären versuchte, einen Reim hatte machen können, hastete Vater Hironymus, so schnell seine alten Knochen es ihm gestatteten, mit mir in den Kreuzgang, wo mein Findling noch immer an der Säule lehnte, die Raben nach wie vor auf seinen Schultern kauernd, und so aussah, als habe er inzwischen endgültig das Bewusstsein verloren. 
Ein wenig verstand ich selbst von der Heilkunde, gerade genug, um die alltäglichen Blessuren und Zipperlein zu behandeln, die einen jeden von uns ab und an befielen - eine Hustentinktur zu mischen oder einen Salbenverband anzulegen, darauf verstand ich mich gerade noch. Doch der Zustand des Fremden überstieg mein Können bei weitem, da brauchte es, wenn überhaupt noch etwas zu machen war, einen, der sich wirklich und wahrhaftig mit der Materie auskannte.

„Ich hole Bruder Ivo“, sagte ich und war schon im Begriff, zu dessen Zelle zu eilen, als mich der Vater Abt zurückhielt.

„Nein, Amatus.“

Ich starrte ihn ungläubig an. In der Stimme meines geliebten Ziehvaters klang solche Kälte, in den sonst so sanften Zügen lag solche Härte, dass ich ihn in diesem Moment kaum wiedererkannte. So hatte ich ihn noch nie erlebt.
„Was?“, brachte ich dümmlich heraus. „Aber Vater, der Mann ist schwer verletzt. Er wird die Nacht nicht überleben, wenn wir nicht…“

„Ich habe Nein gesagt. Ich will ihn nicht hier haben. Ihn nicht, und seine Teufelsvögel auch nicht. Er kann hier nicht bleiben.“
Er hatte nur einen kurzen Blick auf den Fremden geworfen, bevor er zu diesem vernichtenden Urteil gelangt war und nun vermied er tunlichst, ihn überhaupt anzusehen, stattdessen ruhte sein Blick unentwegt auf mir.

„Aber Vater“, protestierte ich, im völligen Unverständnis dessen, was sich hier gerade abspielte. „Haben wir uns nicht der Nächstenliebe verschrieben? Gilt für uns nicht die Regel, einem jeden Schutz und Hilfe angedeihen zu lassen, der ihrer bedarf? Und ich kann mir gerade niemanden vorstellen, der bedürftiger wäre…“

„Lass es gut sein, Mönchlein.“
Erstaunt sah ich auf den Fremden hinunter. Er hatte die Augen wieder geöffnet, anscheinend geweckt von der Lautstärke meiner Stimme, und – ich konnte es kaum fassen – er lächelte. Es war ein gezwungenes Lächeln, mehr ein Zähnefletschen und es war grausig anzusehen.
„Dein Vater Abt hat seine Gründe. Aber ich frage mich, Abt, was fürchtest du?“, sprach er Hironymus nun direkt an. 

Dieser wandte sich demonstrativ ab. 

„Was denkst du, was ich anstellen könnte in deinen heiligen Hallen, he? Sieh mich doch an… Hast du solche Angst und ist dein Vertrauen in deinen Gott so gering, dass du mir die Hilfe verweigern willst, die ich doch so dringend brauche? Willst du wirklich das Vertrauen deines Schützlings enttäuschen, indem du einem armen Heimatlosen, der sich doch auf der Schwelle des Todes befindet, einfach die Tür weist? Könntest du auf Dauer mit den vorwurfsvollen Blicken dieses wunderbaren Jungen leben, wenn du mich in diesem Zustand in die Winternacht hinausschickst und dem Tod überlässt?“

Ein langes Schweigen folgte seinen Worten und ich stand da und wusste nichts mehr. 
Was geschah hier? 
Beinahe schien es mir, als kennten sich die beiden Männer von irgendwoher, als seien sie einander schon früher begegnet – was jedoch in Anbetracht des immensen Altersunterschiedes und der Tatsache, dass Vater Hironymus das Kloster schon seit Jahren überhaupt nur selten und wenn, dann in meiner Begleitung verließ, absurd war. Erwartungsvoll blickte ich ihn an, wartete auf eine Antwort – es war nicht zu übersehen, dass er einen schweren inneren Kampf ausfocht. 
Doch worum ging es bei diesem Kampf? 
Heute weiß ich um die List, die sich hinter den so ehrlich klingenden Worten des Fremden verbarg, weiß auch um die Zwickmühle, in der mein Vater Abt sich befand, doch damals war mir alles ein großes Rätsel. Doch ich greife schon wieder vor…

Ich war es, den Hironymus schließlich ansprach, als habe er den Fremden gar nicht gehört.
„Nun gut, Amatus. Du sollst deinen Willen haben. Kümmere dich um diese arme… Seele. Aber…“ Er hob die Hand, als ich ihm bereits dafür danken wollte, dass er sich doch eines Besseren besonnen hatte. „Nicht hier. Nicht in unseren heiligen Hallen. Und den Bruder Krankenpfleger wirst du nicht damit behelligen.“

„Aber Vater, wo soll ich denn hin mit ihm? In die Ställe vielleicht?“

Der Vater Abt nickte. „Eine sehr gute Idee. Und wenn du alles gerichtet hast, will ich dich sprechen. Sofort.“ Damit wandte er sich auch schon zum Gehen und ich war gelinde empört, kam mir abgekanzelt vor wie ein dummer Schuljunge.

„Ich danke Euch, heiliger Mann“, rief der Fremde ihm spöttisch hinterher. „Ich verspreche Euch, Ihr werdet gar nicht merken, dass ich da bin.“

Da wandte Hironymus sich noch einmal um und sprach zum ersten Mal direkt zu dem Fremden: „Das will ich hoffen. Um unser aller Seelenheil willen.“

Es war mir schrecklich unangenehm, den Fremden erneut nach draußen führen zu müssen, dorthin wo unsere Stallungen sich befanden. Wie sollte ich ihn dort angemessen versorgen, wie unter solchen Umständen seine Verletzungen behandeln? Unter Garantie würde, wenn es nicht schon geschehen war, der Brand in die Wunden fahren und er stürbe mir buchstäblich unter den Händen weg. Und was war nur mit Hironymus los, dass er so hart gegen den Mann war? Wollte er vielleicht sogar, dass er starb? 

Der Fremde schien meine Gedanken gelesen zu haben.
„Mach dir keine Gedanken, Mönchlein. Ihr betet einen an, der in einem Stall geboren wurde… da wird’s für mich wohl mehr als genügen. Was haltet ihr da drin eigentlich?“

„Ziegen“, erwiderte ich einsilbig.

„Oh, wie nett. Allemal besser als Schweine.“

Man kann sich denken, dass ich mich ungeheuer unbehaglich fühlte, während ich den Versuch unternahm, dem Fremden die freie Ecke im Stroh einigermaßen bequem herzurichten. 
Es war einfach eines jeden Menschen unwürdig, was der Vater Abt da forderte und mein Groll wuchs mit jedem Augenblick. 
Dass der Fremde mich während meiner Bemühungen unablässig anstarrte, tat sein Übriges dazu. Zwar schien er bereits jetzt nicht mehr ganz so hinfällig wie auf den ersten Blick hin vermutet, doch schob ich das auf ein letztes Aufbäumen des geschwächten Körpers vor dem eigentlichen Todeskampf, der ganz unweigerlich noch in der Nacht eintreten würde. 
Seine Augen glänzten im Fieber, das in ihm tobte und als ich für einen ganz kurzen Augenblick nur in einer unbedachten Bewegung seine Hand streifte, kam mir die Haut unnatürlich heiß vor. 
Ja, ich würde, wenn ich von der Unterredung mit Vater Hironymus zurückkehrte, einen Toten vorfinden. 
Davor graute mir ungemein – ich hatte nur wenig Erfahrung mit dem Tod; die wenigen Brüder, die wir zu meiner Zeit im Kloster hatten begraben müssen, waren im hohen Alter und nach einem langen, erfüllten Leben vor Gott getreten, umsorgt und im Kreise ihrer Lieben. Doch dieser hier, dieser schöne junge Mensch, der doch einen Großteil seines Lebens noch vor sich haben sollte, würde allein sterben, von der Welt unbemerkt, in einem Ziegenstall. 
Ob er Familie hatte? 
Und wenn ja, wusste diese überhaupt, wo er war oder waren sie krank vor Sorge und Ungewissheit um seinen Verbleib? 
Wer würde um ihn trauern? 
Wer, außer mir, würde ein Gebet sprechen und den Herrn bitten, seine Seele gnädig in seine Hände zu nehmen?
Er hatte meinen Vorschlag, ihn zumindest untersuchen zu dürfen, rundweg abgelehnt und sich ohne große Umstände ins Stroh sinken lassen. Wusste er doch selbst, wie schlecht es um ihn stand, spürte er bereits die Vorboten des nahen Endes und befand es daher für unnötig, dass ich mir überhaupt die Mühe machen wollte?

„Ich kann nichts für Euch tun, wenn Ihr Euch nicht wenigstens…“, versuchte ich zu insistieren, doch er unterbrach mich, spöttisch zwar, aber nicht wirklich unfreundlich.

„Wenn du was für mich tun willst, Mönchlein, dann tu dieses: Du bringst mir einfach den stärksten Wein oder Schnaps oder was auch immer ihr hier nehmt, um euch zu berauschen und dann lässt du mich einfach in Ruhe und gehst zu deinem Vater Abt und hörst dir an, was er zu sagen kann. Obwohl ich’s mir wohl denken kann… Wie klingt das?“

„Vollkommen irrwitzig. Ihr könnt doch in Eurem Zustand nicht daran denken, Euch zu betrinken!"

„Mein lieber, süßer Junge, lass dir gesagt sein, ich konnte bisher noch in jedem Zustand, in dem ich mich befand, daran denken, mich zu betrinken und hab’s auch stets getan. Naja, außer, ich war ohnehin schon nicht mehr bei Sinnen…und davon ganz ab, du willst doch nicht einer armen Seele wie mir den letzten Wunsch verweigern, oder?“

Wen wundert es, dass dies alles – dieser grässliche Mensch mit seiner Art, Vater Hironymus, ach, einfach alles, was geschah – gewaltig an meinen Nerven zerrte? 
Selbst meine stummen Stoßgebete gen Himmel brachten mir keine Linderung mehr und ich verlor langsam, aber sicher die Lust, mich all dem auszusetzen. Also nickte ich nur kurz angebunden, marschierte in den Weinkeller, um meinem unangenehmen Findling das Gewünschte zu bringen, woraufhin er sich immerhin auf’s Artigste bedankte, nur um mich dann geradezu huldvoll zu entlassen, als sei ich sein Diener. Er lehnte es ab, mit mir zusammen zu beten – entweder war er sich seiner Lage doch nicht bewusst oder er war tatsächlich so gottlos zu glauben, dass er selbst jetzt noch nicht des Beistands des Herrn benötigte – und redete so herablassend und undankbar mit mir, dass ich irgendwann befand, es sei vielleicht doch das Beste, ihn im Rausch zur Hölle fahren zu lassen. Zumindest würde ihm der Wein das Ableben ein wenig leichter machen. Trotz meines jugendlichen Zorns stimmte mich der Gedanke zutiefst traurig und so war ich schrecklich verwirrt und in keiner allzu guten Verfassung, als ich mich schließlich aufmachte, vor den Vater Abt zu treten.

Er war noch beschäftigt, obwohl es inzwischen Nacht geworden war, doch wenn ich eines in der Vergangenheit gelernt hatte, dann, dass die Stellung des Abtes ein hohes Maß an Verantwortung und noch viel mehr an Arbeit mit sich bringt. Er bemerkte wohl, dass ich ungeduldig von einem Fuß auf den anderen tretend vor ihm stand und wies mich an, mich zu setzen. Ich betrachtete eingehend sein Gesicht, die mir so vertrauten, in den letzten Jahren zerfurcht und faltig gewordenen Züge. Es arbeitete darin und ich konnte deutlich erkennen, dass er, während seine langen, vom Alter gezeichneten Finger die Feder führten, um einige Pergamente zu unterzeichnen, um die richtigen Worte rang, um mir zu sagen, was er eben sagen wollte oder musste. 
Eine Erklärung für sein merkwürdiges, so ungewohnt hartes Verhalten vorhin, denn noch nie hatte ich erlebt, dass wir jemanden so harsch abgewiesen hätten, der doch unserer Hilfe in der Not bedurfte. Ich war angespannt und nervös und wartete ungeduldig darauf, dass er endlich das Wort an mich richtete – und als er es endlich tat, verließen die unerhörtesten und unglaublichsten Worte seinen Mund, die mir je zu Ohren gekommen waren.



 


Kommentare:

  1. Ich liebe, liebe, LIEBE es, wie du Corvus' Umgang mit den Raben beschreibst. HERZ. <3

    Und Amatus ist ein schöner Name. <3

    Und genau, Corvus, lass dich erst mal volllaufen, das wird das Beste sein. xD <3

    Unsinniger, herzender Kommentar ist unsinnig und herzend. Ähem. *hust*

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  2. ...und späte, sinnlose Antwort ist spät und sinnlos. *g*

    Ja nu, wenn Corvus nicht mit seinen eigenen Kindern liebevoll umginge, mit wem denn dann? Mit Menschen etwa? Ich bitte dich! *gg*

    Besoffen stirbt es sich halt besser... ah, nein, Moment... Kein Alkohol ist auch keine Lösung, DAS war das Motto. Hat schon immer funktioniert...

    ;)))

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