Freitag, 8. Januar 2016

Beast Loose In Paradise

(Wie war das noch mit den geklauten Titeln? Dieser hier ist jedenfalls EIGENTLICH ein Songtitel von Lordi - wir erinnern uns, die lustigen Finnen in den noch viel lustigeren Monsterkostümen-, die herrlich altmodischen, trashigen und KISS-inspirierten Metal spielen und 'ne Menge Spaß dabei haben - und passt sehr viel besser zu der dusseligen, trashigen und hoffentlich ein bisschen lustigen Irgendwie-Belphègor-Fanfic(k), die des unfugs Hirn irgendwann mal meinte ausspucken zu müssen. Starring: Ein dauerbreiter Rabentrickster, ein niedlicher Heiliger und ein untoter oller Ägypter in (oder vielmehr meistens ohne) seltsamen Klamotten. Ja. Passt. Wer von denen das "losgelassene Biest im Paradies" ist, darf sich die geneigte Leserschaft aussuchen...)


***

 

Kapitel 1- Nachts im Museum

 

  I would be there waking up the dead to get a thrill...
Lordi - Would You Love A Monsterman

„Sag mal, ist das wirklich dein Ernst?“

Severin fand, dass er diese Frage seit einigen Jahrhunderten doch arg häufig stellte.
Es war allerdings auch stets die erste, die ihm einfiel, wann immer sein Freund mit einem seiner grandiosen Vorschläge anrückte. Dessen eigener Meinung nach grandios - Severin selbst (und so ziemlicher jeder andere, der bei einigermaßen klarem Verstand war) tendierte mehr dazu, Corvus' Ideen für bestenfalls peinlich zu halten.
Schlimmstenfalls brachten sie einen in Lebensgefahr und illegal war sowieso so ziemlich alles, was der Rabenkönig sich unter sinnvolle Freizeitgestaltung vorstellte.

„Ich muss doch sehr bitten, Eure kurz geratene Heiligkeit - natürlich ist es mir ernst...“

Natürlich, das war es immer. 
Auch und vor allem dann, wenn es ausgemachter Schwachsinn war.

„Corvus, ich...“

„Du hast gesagt, dass du die Ausstellung sehen willst - und zwar vorzugsweise, ohne von tausenden anderen Besucher zerquetscht zu werden. Also...“

„An so was erinnerst du dich. War ja klar.“

„Ja. Klar. Und du dürftest ruhig ein bisschen mehr Begeisterung zeigen, dass ich...“

„Oh, Corvus, du glaubst ja gar nicht, wie überaus begeistert ich bin, dass du mich gerade dazu aufforderst, in ein Museum einzubrechen!“

„Meine Fresse, nun sei doch nicht so pingelig. Wir brechen doch gar nicht ein- ich hab' den Schlüssel! Und außerdem, mein Schatz,“ der Trickster grinste breit und fröhlich. „... ist das kein Museum, sondern die Kunst- und...“

„Ausstellungshalle. Ja, danke. Was soll das heißen, du hast den Schlüssel???“

„Dass ich den Schlüssel habe... Hier!“

Es war zum Vor-die-Wand-laufen – Corvus kramte doch tatsächlich eine mit einem Barcode versehene Chipkarte aus den Untiefen seiner Manteltaschen und hielt sie dem Heiligen ein bisschen zu schwungvoll unter die Nase.

„Woher...“

„Gehört dem Direktor. Wusstest du, dass der schwul ist? Und auf Typen steht, die jünger sind... äh... aussehen als er?“

Darauf fiel selbst dem durchaus wortgewandten Heiligen nicht mehr ein, als seinen Freund mit ungläubigem Blick und offenem Mund anzustarren.

„Also, kommst du jetzt?“

Mit weit ausgreifenden Schritten stolzierte Corvus an der gläsernen Fassade des Eingangs vorbei, über der ein riesiges Banner verkündete, die bereits aus New York und Paris bekannte Wanderaustellung über die Geheimnisse der Ägyptischen Mumien werde in nunmehr zwei Tagen endlich die Pforten für das staunende Publikum öffnen.

Severin seufzte... und marschierte hinterher.
Wenn Corvus sich eine Dummheit in den Kopf gesetzt hatte, würde ihn so bald nichts davon abhalten. Besser, er begäbe sich nicht allein in Schwierigkeiten. Für die Stimme der Vernunft war der Trickster zwar ohnehin taub, doch Severin fühlte sich besser, wenn er sich zumindest einbilden konnte, als diese zu fungieren.
Zudem war er, Heiligkeit hin oder her, einfach neugierig. Die Exhibition war das Ausstellungsereignis des Jahrzehnts und versprach aufsehenerregende neue Erkenntnisse.

Während er Corvus dabei zusah, wie dieser mit der Chipkarte am elektronischen Schloss des Personaleingangs, der sich in einer wie ausgestorben da liegenden Seitenstraße befand, herumfingerte, kamen ihm allerdings noch andere Bedenken.

„Die werden da drin Wachleute haben...“

„Nö. Keinen einzigen Wachleut.“

Das war gelinde alarmierend.

„Corvus? Was hast du mit den Ärmsten angestellt?“

„Nichts. Es gab bloß eine kleine Änderung im Dienstplan... die sind alle brav zuhause und schlafen.“

„Ach nee. Du kannst einen Dienstplan doch nicht mal lesen.“

„Stimmt, aber ich kenn' einen, der das kann. Glaubst du, ich hab' den Chef von dem Ding hier völlig umsonst ins Delirium gevögelt? Ha!“

Erfreut registrierte Corvus, wie auf dem Display das rote Lämpchen erlosch und stattdessen nun ein grünes anzeigte, dass der Weg ins Innere des Gebäudes frei war. Mit dramatischer Geste wies er auf die mit einem leisen Surren aufschwingende Tür.

„Bitte einzutreten!“

„Zu liebenswert. Jetzt frage ich mich nur noch, wie wir da drin im Stockfinstern was sehen wollen. Oder hast du vor, die Festbeleuchtung einzuschalten?“

„Natürlich nicht. Hältst du mich echt für so blöd? Oh, sag nichts...“

Erneut durchforstete Corvus seine Manteltaschen und förderte schließlich zwei kleine, aber leistungsstarke Taschenlampen zutage, von denen er eine dem Heiligen reichte.

„Wenn ich schon einbreche, dann auch richtig. Alles nur für dich.“

„Ich bin gerührt“, gab Severin – unentschlossen schwankend zwischen Ärger und Belustigung - zurück. „Du bist wirklich süß.“

„Nicht wahr... und ein so süßes kleines Vögelchen nimmst du nachher sicher gern mit nachhause, hab' ich recht?“

„Spinn weiter...“


Wenn er schon einmal da war - obwohl er mit dem Grund dafür natürlich alles andere als einverstanden war - , konnte er sich die Exponate ebenso gut auch ansehen, befand Severin. So lief der nächtliche Ausflug zumindest nicht unter reine Zeitverschwendung.

Eine Weile wanderten sie durch die stillen Hallen und der Heilige musste zugeben, dass die Ausstellung ihrem Ruf gerecht wurde und einige recht interessante Neuigkeiten in Form bisher noch nie der Öffentlichkeit zugänglich gemachter Artefakte zu bieten hatte, die darüber hinaus in ansprechender Weise präsentiert wurden.

Dem Trickster hingegen schien es – wie so oft – schon bald langweilig zu werden, er hielt es stets nur für ein paar Sekunden an einer Exponatgruppe aus und huschte eher ziellos durch die Gegend.

„Hey“, murmelte er irgendwann, als er neben Severin trat. „Wie heißt das Gedöns hier doch gleich?“

„Mythen, Mumien und Mysterien.“

„Uuuh...“

„Ja, den Titel finde ich auch ein wenig abgeschmackt... Aber im populärwissenschaftlichen Bereich arbeitet man gern mit solchen Alliterationen, das bleibt den Leuten eben gut im Gedächtnis.“

„Ähä. Mit anderen Worten, damit der Durchschnittstrottel sich das besser merken kann?“

„So ähnlich. Obwohl ich dich nicht gerade als Durchschnittstrottel bezeichnen würde. Du liegst manchmal schon weit über dem Durchschnitt.“

„Ey! Und du bist manchmal ein ganz schön fieser kleiner Junge, weißt du das? Oh, warte mal, was ist das denn?“

Der Heilige ließ den Lichtstrahl hinüber zu einem mit schwarzen Stoffbahnen verhangenen Kabinett gleiten, das augenscheinlich das war, was Corvus' Interesse geweckt hatte. Ein am Eingang angebrachtes Schild wies darauf hin, dass Jugendliche unter sechzehn Jahren sowie Personen mit Herz- und Kreislauferkrankungen der Zutritt nicht gestattet war.
Natürlich, dachte er, daran würde sich auch jeder halten... eine derart reißerische Warnung machte doch erst recht neugierig.
Corvus war natürlich bereits im Inneren verschwunden.

Als Severin seinerseits das Kabinett betrat, musste er feststellen, dass die Warnung durchaus nicht unberechtigt war – die dort in einem Glaskasten ausgestellte Mumie sah fürchterlicher aus als alles, was er bisher gesehen hatte.
Der Mund war zu einem stummen Schrei der Qual aufgerissen und die Augenhöhlen schienen einen trotz ihrer Leere dennoch mit totem Blick zu verfolgen. Das Schlimmste war jedoch der nahezu in zwei Hälften gespaltene Schädel.

„Ach je... den armen Burschen hat's aber mächtig erwischt...“

„Mhm... Kaum zu glauben, dass das mal ein junger hübscher Pharao gewesen sein soll.“

Severin musterte Corvus ein wenig ärgerlich.

„Meine Güte, du denkst sogar im Angesicht des Todes nur an das Eine...“

Der Trickster nickte bedeutungsschwer, den Blick immer noch starr auf den entstellten, mumifizierten Körper gerichtet.

„Gerade dann, mein Schatz, gerade dann... Da freut man sich doch gleich noch viel mehr, unsterblich zu sein, oder?“

„Auch wieder wahr. Obwohl es auch in einem unsterblichen Leben noch was anderes gibt als Sex.“

„Echt? Hm. Wer war der arme Kerl denn?“

„Ein Unbekannter.“ Severin beugte sich vor, um die am Glaskasten angebrachte Plakette genauer zu studieren. „Man hat den Namen von allen Kartuschen sowie dem Sarkophag entfernt. Was eine gängige Methode war, dem Toten den Zugang zum Jenseits zu verwehren. Was wiederum für gewöhnlich nur geschah, wenn derjenige sich schwerer Verbrechen schuldig gemacht hatte. Es ist nicht einmal klar, ob der hier überhaupt ein Pharao war oder ein Priester oder... Was machst du da? Häng das sofort wieder weg!“

Corvus hatte seinen eigenen Mantel zu Boden fallen lassen und sich das voluminöse, reichlich gefältelte Gewand, offenbar ein Replik desjenigen, mit dem der Tote begraben worden war, vom Ständer genommen und übergezogen.
„Wieso?“, fragte er unschuldig und breitete die langen Arme aus. „Steht mir nicht?“

Ironischerweise sah das Gewand aus wie für ihn gemacht – der Tote musste für seine Zeit entweder außergewöhnlich groß gewesen sein oder der Saum des Gewandes war wie eine Schleppe hinter ihm über den Boden geschleift.

„Corvus... es gibt einfach ein paar Sachen, die tut man nicht. Die tust auch du nicht. Häng das bitte wieder hin.“

Der Trickster zog es vor, die Zurechtweisung stumpf zu ignorieren und griff nach der metallenen Totenmaske, die nebst einem hohen Kopfputz und langen Handschuhen, deren Fingerspitzen mit ebenfalls metallenen Hülsen verziert waren, zu dem Gewand zu gehören schien; zumindest hing das ganze Ensemble am selben Ständer.

„Sieh mal, seine Totenmaske. Ich hab doch gesagt, das war ein Hübscher.“

„Ach was, die Dinger waren doch alle idealisiert.“

„Quatsch. Tutanchamun zum Beispiel war wirklich ein verflucht heißer Feger... Ich frage mich, ob der Bursche hier uns erzählen könnte, wer ihn auf dem Gewissen hat und warum...“

„Dann frag ihn doch“, raunzte der Heilige jetzt ironisch. „Aber leg verdammt nochmal das Zeug wieder dahin, wo du es her hast. Langsam reicht es echt.“

„Du, das ist eine gute Idee.“

„Die Sachen wieder wegzulegen? Finde ich auch.“

Corvus schüttelte den Kopf.

„Nee. Ihn zu fragen. Kannst du so was?“

„Mit Toten reden? Wieso sollte ich? Und selbst wenn ich es könnte, würde ich...“

„Hm. Schade. Dann lass mich mal versuchen...“

Immer noch eingehüllt in den übergroßen Mantel, die Totenmaske haltend, beugte sich Corvus über die Mumie in ihrem Glaskasten, vollführte mit der freien Hand merkwürdig verschlungen wirkende Gesten und murmelte leise unverständliche Worte.
Der Heilige sah ihm in gleichermaßen fassungslos wie fasziniert zu.

„Ernsthaft jetzt? Was denkst du eigentlich, was du da...“

Der Rest des Satzes ging in einem ohrenbetäubenden Knall unter, als das Glas zersprang und die Wucht der Explosion beide Männer von den Füßen riss und mehrere Meter durch den Raum schleuderte.
Ein Hagel aus Glassplittern regnete herab und für einen Moment wurde es taghell in der Halle, bevor sämtliche Glühbirnen zerbarsten und die komplette Elektrik knisternd und zischend den Geist aufgab.
Im nun vollkommenen Dunkel war dort, wo gerade noch die Mumie des Unbekannten gelegen hatte, eine feurige, menschenähnliche Gestalt sichtbar, die senkrecht in die Luft stieg und sich ein paar Mal um sich selbst drehte, bevor sie auf die nächstgelegene Wand zuraste und... verschwand.

Im selben Moment begannen schrill die Alarmsirenen zu heulen.

„Whoa...“, machte Corvus, weniger von dem Chaos und Lärm um ihn herum beeindruckt als von der Tatsache, dass seine Beschwörung allem Anschein nach erfolgreich gewesen war. „Hätte nicht gedacht, dass das klappt. Hast du das gesehen? Der ist in der Steckdose verschwunden! Krass.“

Der Heilige rappelte sich auf und schüttelte sich die Glassplitter aus den Locken. Er schäumte vor Wut.
„Ehrlich gesagt, ist mir spontan scheißegal, wohin er verschwunden ist, aber ich schätze, wir sollten es ihm gleichtun. Den Arsch aufreißen kann ich draußen immer noch, du Genie...“

„Sevi, Sevi... du bist gerade nicht du selbst, oder? Du fluchst ja sogar...“

„Und du blutest. Geschieht dir recht. Arschloch.“

„Pff... Ich stand genau über dem Ding, als es explodiert ist, was erwartest du denn?“

Corvus machte sich nicht die Mühe, die dünnen Blutfäden aus seinem Gesicht zu wischen, sondern stolzierte in aller Seelenruhe dorthin, wo er seinen Mantel vermutete, ließ das Gewand des Toten sowie die Maske achtlos fallen und kicherte fröhlich in sich hinein.

„Ich denke, wir sollten dann mal gehen, oder?



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