Freitag, 29. Januar 2016

Beast Loose In Paradise 2

Kapitel 2 - Der fremde Gast

Kapitel 1 gibt es hier zu lesen: Kapitel 1 - Nachts im Museum

 

Madness rose upon the last of kin
Crazy, hungry for another sin
Lordi – Beast loose in paradise


Jetzt beruhige dich doch erst einmal“, versuchte Gereon es zum wer weiß wievielten Male.
Um diese gottlose Uhrzeit fiel ihm nicht mehr ein.
Es war halb vier Uhr morgens, da konnte er von seinem Gehirn lediglich den eingeschränkten Funktionsmodus erwarten.

„Wie soll ich mich denn beruhigen? Meine halbe Ausstellung liegt in Trümmern, der Schaden geht in den sechsstelligen Bereich... und das Herzstück des Ganzen ist weg... einfach weg.“

Die ohnehin schon helle Stimme Dr. Frank Lindners überschlug sich inzwischen vor Hysterie und schrillte Gereon unangenehm in den Ohren.

„Machst du dir überhaupt eine Vorstellung davon, wie viel Überredung es mich gekostet hat, diese ganz besondere Mumie zu bekommen? Das Ding stammt aus dem Louvre, Gereon, aus dem Louvre. Und sie sollte eigentlich nie wieder ausgestellt werden...“

„Ach. Warum nicht?“

Vermutlich kam jetzt irgend so ein Blödsinn vom Fluch des Pharao, aber so wie Gereon Lindner kannte, brachte es diesen am ehesten wieder einigermaßen zur Ruhe, wenn er in irgendeiner Form über seine Arbeit sprechen konnte.

„Angeblich ist sie verflucht.“

War ja klar.

„Als sie zum letzten Mal ausgestellt war, sind ein paar sehr merkwürdige Dinge passiert. Jemand von der Nachtwache soll ums Leben gekommen sein... völliger Humbug, wenn du mich fragst. Aber die Leute stehen auf so was. Die wollen sich mit einem wohligen Schauder am Sarkophag vorbei schieben... Ein bisschen kitschig, wenn du mich fragst...“

Gereon fragte nicht. 
Und er würde sich auch keinesfalls dazu hinreißen lassen, seinem langjährigen Freund die Wahrheit zu sagen, nämlich, dass er persönlich das gesamte Ausstellungskonzept für eben dies hielt.
Kitschig. 
Schrecklich kitschig, um genau zu sein.
Gereon hatte für die üblichen und äußerst publikumswirksamen populärwissenschaftlichen Herangehensweisen herzlich wenig übrig.

„Gut“, meinte er knapp und massierte sich mit den Fingerspitzen die Schläfen.
Sicher kamen die Kopfschmerzen nur von der unchristlichen Uhrzeit, zu der Lindner ihn aus dem Bett geklingelt hatte, von zu wenig Schlaf in der Nacht und nicht von den Schatten drohenden Unheils, die sich just in dem Moment auszubreiten begannen, als der Kurator der Kunst- und Ausstellungshalle vor seiner Tür aufgetaucht war.
Es handelte sich um einen ganz normalen Einbruch, ganz bestimmt. Und das war nichts, wobei Lindner die Hilfe seines Psychiaters brauchte... es sei denn...

„Und wie, denkst du, kann ich dir dabei helfen? Solltest du dich nicht lieber an die Polizei wenden?“

„Die waren doch schon da. Und die Presse“, fügte Lindner bitter hinzu. „Nachher kannst du die Geschichte in jedem Scheiß-Boulevardblatt lesen. Es war... ich hab der Polizei nicht gesagt, dass...“

Gereon schwante Schlimmes.

„Dass es meine eigene Schuld war. Ich hab... ich hab diesen Kerl getroffen.“

„Ich verstehe", murmelte Gereon matt.

„Nein. Du verstehst es nicht. Ich weiß, du hast mir schon so oft gesagt, ich soll mich endlich outen, aber... ist auch egal...“

„Nein, Frank, das ist nicht egal. Warum zum Teufel suchst du dir nicht einen netten, normalen Mann in deinem Alter, statt immer wieder auf diese Freaks hereinzufallen? Wie oft bist du schon beklaut worden, he? Lass mich raten, das war es? Du hast dir wieder in irgendeinem Loch einen aufgerissen...“

Das war nun weder besonders zartfühlend noch professionell, dessen war sich Gereon völlig bewusst.
Es war ihm allerdings im Moment auch völlig gleichgültig.
Er kannte Lindner lange und gut genug, um zu wissen, dass dieser mit einer vielleicht rüden, aber ehrlichen Ansprache recht gut zurechtkam. Was ihn allerdings auch nicht davon abhielt, immer wieder denselben Fehler zu begehen.
Ihn mit psychologischen Samthandschuhen anzufassen brachte diesbezüglich rein gar nichts.

„Ja, verdammt. Aber ich hab dir gesagt, ich kann mich nicht outen. Es würde meine Mutter umbringen...“

„Frank, deine Mutter ist ein Drache. Die bringt so schnell nichts um.“

“Und vorher würde sie mich noch enterben. Aber wie auch immer...“ Lindner winkte ab und sein Tonfall war wieder erstaunlich nüchtern. „Jedenfalls war ich in diesem Club in der Innenstadt und dann war da dieser Kerl. Ziemlich jung, Ende Zwanzig vielleicht... Ja, einer von diesen Freaks, wie du schön sagst. Zu mir konnten wir nicht, und zu ihm in die WG angeblich auch nicht. Also haben wir uns ein Hotelzimmer genommen.“

„Mhm. Die übliche Geschichte also.“

„Ja. Ich war müde und bin danach ziemlich schnell eingeschlafen. Als ich wach wurde, war meine Brieftasche weg. Achthundert Euro. Und was viel schlimmer ist, meine Chipkarte für die Halle. Immerhin hat er mir das Handy da gelassen – da rief nämlich auch schon der Wachdienst an, dass eingebrochen worden war und alles verwüstet, als hätten die Vandalen drin gehaust... Tja, da bin ich wohl wieder in mein altes Muster zurück- und auf einen verschissenen Junkie reingefallen.“

„Und was genau versuche ich dir seit inzwischen fünfzehn Jahren auszutreiben?“

Gereon konnte nur ungläubig den Kopf schütteln.

Lindner war ein durchaus attraktiver Mann, dem man nicht ansah, dass er die Fünfzig gerade überschritten hatte. Es sollte ihm nicht schwer fallen, jemanden für die Beziehung zu finden, nach der er sich im Grunde sehnte. Was ihm dabei im Weg stand, war einerseits die tief verwurzelte Furcht vor seiner herrischen und stockkonservativen Mutter sowie eine ungesunde Vorliebe für schnelle Affären mit - um es freundlich auszudrücken – halbseidenen Typen auf der anderen Seite.
Derart schwerwiegende Konsequenzen hatte seine Neigung zur Gefahr jedoch bisher nicht nach sich gezogen – sollte herauskommen, dass tatsächlich derjenige, mit dem Lindner die Nacht verbracht hatte, für den Einbruch verantwortlich war, würde er seinen Hut nehmen können. Dann wäre er die längste Zeit Kurator gewesen.

Ihm schienen ähnliche Gedanken durch den Kopf zu gehen, denn er schwieg eine Weile, bevor er leise meinte: „Weißt du, das Komische ist, dass ich im ersten Moment sogar dachte, es wäre einer von deinen Leuten...“

„Ha? Wie kommst du denn darauf?“

Wie viele von Gereons Bekannten aus Akademikerkreisen wusste Lindner zwar, dass es die Andere Stadt gab, und auch, welche Rolle der Psychiater darin spielte, ihm selbst hatte sich der Zugang jedoch nie eröffnet.

„Na ja, er hatte... so was an sich. So was... Andersweltliches. Zudem... wir hatten die Tür abgeschlossen und als ich wach wurde und der Typ war weg, war sie immer noch abgeschlossen. Von innen. Dafür war das Fenster sperrangelweit offen. Wir waren im siebten Stock. Komisch, oder?“

„Ja. Wirklich merkwürdig“, sagte Gereon langsam und der drohende Schatten begann auf einmal Gestalt anzunehmen.
Eine sehr lange, sehr dünne und sehr dunkle Gestalt.
„Wie...äh... sah er denn aus? Vielleicht fällt mir ja jemand ein.“

„Sehr groß, noch größer als du. Hübsch, aber ziemlich finster – Augen, Haare, Klamotten, alles schwarz. Dünn und tätowiert ohne Ende... Sagt dir das was?“

Und ob. Gereons Kopfschmerzen steigerten sich in ungeahnte Höhen.

„Nein“, log er. „Kenne ich nicht, sorry...“

Er musste seinen Freund nicht noch mehr beunruhigen, indem er ihm zu erklären versuchte, mit wem - oder was - er da ins Bett gestiegen war.
Immerhin eines war sicher: Die Polizei würde nie herausfinden, wer für das Chaos in der Ausstellung verantwortlich zeichnete.

*

Corvus pflegte, wenn überhaupt, stets nur sehr leicht zu schlafen - mochte seine äußere Erscheinung auch überwiegend menschlich sein, sein Bewusstsein war durch und durch animalisch und infolgedessen blieb selbst in den seltenen Ruhephasen, die er sich gönnte, stets ein Teil dieses Bewusstseins auf seine Umgebung gerichtet.
Und auch jetzt spürte er sofort, dass er nicht allein war, dazu brauchte es nicht einmal das plötzliche Aufplustern und warnende leise Kollern derjenigen seiner Kinder, die in dieser Nacht das luftige Quartier ihres Herrn in der obersten Etage des abbruchreifen Hochhauses teilten.

Bei dem nächtlichen, verstohlenen Besucher handelte es sich um niemanden, den der Rabenkönig kannte; abgesehen von Severin wusste ohnehin niemand, wo er - zumindest in den Sommermonaten - seinen Rückzugsort hatte und der jugendliche Heilige war dank des jüngsten und in Corvus' Augen höchst amüsanten kleinen Abenteuers zu vergrätzt, als dass er ihm nun mitten in der Nacht noch einen Freundschaftsbesuch abgestattet hätte.

Ohnehin, fand Corvus, besuchte ihn der Heilige viel zu selten.
Das musste er dringend einmal ansprechen, sobald Severin sich wieder beruhigt hatte.
Abgesehen von ein paar für seine Verhältnisse äußerst rüden und darum umso amüsanteren Beschimpfungen hatte der süße Junge nämlich kaum ein Wort mit ihm gesprochen, bevor sie sich trennten und Seine Heiligkeit in Richtung seiner kirchlichen Heimstatt abgerauscht war.
Ach doch, eines hatte er noch verlauten lassen, und zwar sehr eindringlich - Corvus möge sich doch bitte möglichst schnell etwas einfallen lassen, wie er den angerichteten Schlamassel geradezubiegen gedenke.
Was der Trickster keinesfalls zu tun beabsichtigte - man konnte ja schlecht ihn dafür verantwortlich machen, dass ein gerade erst von der Toten erweckter alter Ägypter meinte, das Museum in Schutt und Asche legen zu müssen, in dem er ausgestellt war.

Tatsächlich war Corvus nicht wenig stolz auf sich, immerhin war es schon eine Weile her, seit er so etwas wie eine Wiedererweckung zum letzten Mal versucht hatte und damals waren seine Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Mit Schaudern dachte er an das sich windende, kreischende Ding zurück... und an die Mühen, die es gekostet hatte, es wieder dorthin zurück zu schicken, wo es hergekommen war.

Aber wie auch immer, der Heilige würde sich schon wieder beruhigen, das tat er jedes Mal. Genauso, wie er Corvus jedes Mal eine – für dessen Geschmack viel zu lange – Weile mit eisigem Schweigen strafte, wenn der seiner Meinung nach Mist gebaut hatte.
Was zugegebenermaßen nicht gerade selten vorkam... Irgendwie hatten sie beide doch recht verschiedene Vorstellungen von angemessenem Verhalten.
Und von Spaß.

Doch nun würde er sich seinem unbekannten Gast widmen, der sich so lautlos durch die Räume bewegte als schwebte er.
Genaugenommen schwebte er sogar wirklich.
Corvus war einigermaßen verblüfft, als er das seltsame Ornat erkannte.
Wie auch immer der Ägypter den Weg zu ihm gefunden hatte, er war jetzt nun einmal da, glitt verstohlen durch den Raum und befingerte die Habseligkeiten des Rabenkönigs.

„Ey!“

Die Gestalt sackte aus der Luft herab auf den Boden und fuhr herum, augenscheinlich ein wenig schockiert darüber, erwischt worden zu sein.

Corvus konnte ihr nachfühlen.
Er legte den Kopf schief und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Verrätst du mir, was du hier willst?“

Eine verbale Antwort erhielt er darauf nicht, stattdessen warf sich der Ägypter vor ihm zu Boden und verneigte sich derart tief, dass die silbrig glänzende Maske den Boden berührte.

„Okay...“

Was sollte er jetzt damit bitteschön anfangen? Was war das - Dankbarkeit? Demut?

„Weißt du, ich steh normalerweise echt auf so was, aber für den Moment denk' ich mal, du kannst dann jetzt auch wieder aufstehen.“

Keine Reaktion.

„Hallo?“

Nichts.

„Ach Scheiße, du verstehst mich wahrscheinlich nicht mal, oder? Tja... und ich sprech' kein Altägyptisch oder was auch immer...“

Das konnte ja ein Spaß werden...

Vorsichtig berührte Corvus die noch immer vor ihm am Boden kniende Gestalt an der Schulter und stellte fest, dass sie sich für einen Geist schon reichlich stofflich anfühlte. Dann bedeutete er dem Ägypter, aufzustehen.
Eine Weile standen sie einander stumm gegenüber, während es in Corvus' Gehirn mächtig arbeitete - die Frage betreffend, was um alles in der Welt er nun mit dem Anderen anfangen sollte. Eigentlich fiel ihm dazu sogar spontan eine ganze Menge ein, doch dafür hätte er schon gern gewusst, was sich nun eigentlich hinter der Maske verbarg.
Mehr als ein Paar großer, dunkler Augen, die ihn gleichermaßen aufmerksam wie anzüglich musterten, war hinter dem undurchdringlichen Metall nicht zu erkennen.

„Darf ich mal?“

Der Ägypter machte keine Anstalten, sich zu dagegen zu wehren, dass Corvus die Maske vorsichtig beiseite schob. Als sie schließlich auf den Boden polterte, war der Trickster tatsächlich für einen Moment sprachlos.

„Wow...“, entfuhr es ihm schließlich.

Dieses Mal war seine kleine nekromantische Beschwörung allerdings erfolgreich gewesen.
Das musste er unbedingt dem Heiligen zeigen.
Nachdem er eine oder zwei der spontanen Ideen in die Tat umgesetzt hatte.
Und wenn er das herausfordernde, seinem eigenen durchaus nicht unähnliche Grinsen des Anderen auch nur halbwegs richtig deutete, würden sie einander auch ohne gesprochene Worte ausgesprochen gut verstehen...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen